Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.05.2014

371_Berufsberatung

Die beruflichen Perspektiven unseres Sohnes Nick muss man als durchwachsen bezeichnen. Seine früheren Pläne, wie zum Beispiel Kioskbesitzer (wegen der Aussicht, sein Leben unmittelbar neben einer Eistruhe zu verbringen) und Autoscootertype (wegen der ungezählten Freifahrten) wurden zwar von ihm verworfen, weil er herausfand, dass die Betätigungen als solche relativ langweilig sind. Sehr zu meinem Bedauern wurden sie aber nicht durch krisenfeste Berufswünsche ersetzt, mit denen er seine Eltern eines Tages unterstützen kann. Man denkt ja immer, wenn der Sohn erst einmal Vorstandsvorsitzender oder Radiologe wird, ist man selber fein raus, bekommt jedes Jahr eine neue Strickjacke und darf in sein Ferienhaus nach Südfrankreich fahren und den Gärtner mit Brioche bewerfen.
Aber Nick will keine Karriere in der Industrie machen. Er möchte jetzt Computerspieletester werden. Ich erklärte ihm, dass dies ein ausgesprochen brotloser Job sei und meistens von bleichen Geringverdienern als Nebentätigkeit ausgeübt werde, aber das war ihm egal. Meinen Vorschlag, lieber Spiele zu entwickeln lehnte er ab, weil er kein Nerd sei und man dafür erst diese Programmiersprachen erlernen müsse, was ihn sehr langweile. Spielen sei besser.
Ich ziehe seit dieser Ankündigung die Möglichkeiten eines Nebenverdienstes in Betracht. Aber was tun? Noch einmal ganz von vorne anfangen mit Lehre oder Studium kommt für mich nicht in Frage. Dauert zu lange. Da ist mein Sohn ja selber schon Rentner bis ich einen neuen Beruf erlernt habe. Also muss man sich umsehen und einfach etwas machen, wofür keine Ausbildung nötig ist. Ich könnte zum Beispiel Entenretter werden.
Neulich habe ich gelesen, dass der gemeine Enterich eine ernsthafte Bedrohung für seine weiblichen Teichkollegen darstellt. Es wurde vermehrt beobachtet, dass die Erpel bei der Paarung derart rabiat vorgehen, dass die Enten mit den Schnäbeln nach vorne ins städtische Gewässer getunkt werden und mitunter ertrinken, wenn der Geschlechtsakt zu lange dauert. So eine Ente kostet die Stadtverwaltung bis zu fünfzig Euro. Es ist also nicht teuer, wenn ich meine Dienste als Retter in der Not für einen Tagessatz von sagen wir mal dreihundert Euro anbiete. Mein Einsatz spart nämlich auch die ungeheuren Kosten, die sonst durch die Traumabehandlung schockierter Kinder entstehen. Wer einmal gesehen hat, wie eine Ente beim Sex ertrinkt, der kommt sein Leben lang nicht davon los.
Apropos Kinder. Ich würde mich auch als Quengelkind-Zusammenbrüller zur Verfügung stellen. In Supermärkten, Kaufhäusern, Restaurants oder Fernzügen. Dort würde ich patrouillieren und bei Bedarf tobenden und sonstwie verzogenen Blagen einmal so richtig heimleuchten. Die Eltern machen so etwas ja nicht mehr. Die sagen nur leise: „Fynn-Marten, das macht uns unheimlich traurig, dass Du die ganzen Chips aus dem Regal reißt.“ In dem Moment tauche ich auf und kreische eine Minute lang herum wie der Ausbilder in „Full Metal Jackett“. Kostet meine Auftraggeber einen Tausender im Monat. Oder ich werde Wechseljahrberater. Keine Ahnung, was man da macht, aber mir gefällt das Wort.
Mitten in diese Überlegungen platzte soeben meine Tochter Carla. Unser 15jähriges Pubertier berichtete, dass sich ihr Kumpel Maxim vor der Schule Gras kaufen wollte und übers Ohr gehauen wurde. Erstens bezahlte er pro Gramm 35 Euro. Und zweitens musste er zuhause feststellen, dass er für 70 Euro Oregano erworben hatte. Ich erinnere mich daran, dass zu meinen Schulzeiten ein Bursche ebenfalls hervorragende Geschäfte machte, indem er anderen Schülern bröckchenweise schwarzen Afghanen andrehte, der sich beim Ankokeln als LKW-Reifen erwies. Da wird von der Unkenntnis der Kunden profitiert und diese nehmen hinterher nicht einmal Drogen. Das ist doch eigentlich sehr gut. Das finde ich wunderbar und die Eltern sehen das sicher auch so.
Ich werde also Dealer und verkaufe ab Montag meinen Stoff vor der Schule meiner Tochter. Meine Preise: Rosmarin, Liebstöckel und Majoran das Gramm für nur 25 Euro. Und dann habe ich noch Kräuter der Provence, der absolute Hammer, aber dafür auch etwas teurer: 40 Euro das Gramm. Na, wie wär’s?