Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.05.2014

372_Der Baumhausmythos

Zu den großen Vorhaltungen, mit denen junge und noch etwas jüngere Menschen klar kommen müssen, gehört jene, sie seien zu wenig draußen. An der frischen Luft. In diesem Zusammenhang erwähnen ältere Erwachsene immer wieder zweierlei: Erstens hätten sie in ihrer Kindheit IMMER aufgescheuerte Knie gehabt und zweitens regelmäßig Baumhäuser gebaut. Dies scheinen die wesentlichen Insignien einer gelungenen Kindheit zwischen 1955 und 1985 zu sein. Der Wundschorf ist sozusagen das Große Verdienstkreuz der vergangenen Jugend. Manchmal kommt noch der berühmte Bolzplatz („Drei Ecken, ein Elfer“) hinzu oder die Tatsache, man habe nur drei Fernsehprogramme gehabt. Dies alles soll suggerieren, dass Jugend früher im Gegensatz zu heute viel mehr wert gewesen sei.
Und spätestens hier muss man mal eine Lanze für die aktuellen Adoleszenten brechen, die werden nämlich in dieser Angelegenheit von den Älteren grob ungerecht behandelt. Erstens ist es nämlich so, dass das berühmte Baumhaus bereits in meiner Kindheit ähnlich mythenbehaftet angepriesen wurde wie die Cheops-Pyramide. In Wahrheit baute kein Mensch Baumhäuser. Unser Versuch scheiterte 1978 am Einspruch eines niederrheinischen Forstbeamten, der uns Kindern erklärte, er würde uns für jeden Nagel, den wir in eine seiner Buchen schlagen wollten, einen kräftigen Arschtritt verpassen. Und ohne Nägel geht es ja nun nicht im Baumhausbau. Das einzige wirklich amtliche Exemplar gab es auch damals nur im Fernsehen, nämlich in dem TV-Film „Die Vorstadtkrokodile“.
Und zweitens wird die Geschichte vom Baumhaus immer dafür benutzt, die besondere und bei nachfolgenden Generationen leider völlig verloren gegangene Verbundenheit mit der Natur zu belegen. Damit kann es bei den Älteren aber in Wahrheit nicht so weit her sein wie die immer behaupten. Es mag zwar eine unumstößliche Tatsache sein, dass frühere Generationen mehr Zeit in der Natur verbracht haben. Es ist aber auch eine mindestens ebenso unumstößliche Tatsache, dass zum Beispiel der Rhein nie dreckiger war als in meiner Kindheit. Es hieß immer, es sei lebensgefährlich, auch nur einen Fuß hinein zu setzen. Wer das wagte, riskierte ein von allerlei Industrieflüssigkeiten zernagtes und möglicherweise hellgrün leuchtendes Gebein aus dem Fluss zu ziehen. Die unfassbaren Umweltsünden in den sechziger und siebziger Jahren gingen also komplett auf das Konto genau Derjenigen, die in ihrer Kindheit so wahnsinnig viel draußen in der unberührten Natur unterwegs waren. Das muss man mal festhalten.
Wenn ich mir die gegenwärtig Jugendlichen ansehe, die angeblich nur vor dem Rechner hocken, dann darf ich zumindest feststellen, dass diese in Punkto Nachhaltigkeit und ressourcenschonendem Verhalten mit sehr gutem Beispiel vorangehen. Da sie sich nur in Innenräumen aufhalten, zertrampeln sie keine Schößlinge und brechen keinen einzigen Zweig. Und davon abgesehen haben sie seit frühester Kindheit gelernt, dass man keine Gifte in Flüsse einleitet. Sie kämen nicht im Traum auf die Idee, ihre Umwelt zu zerstören. Auch wenn sie nicht unbedingt in Funktionskleidung darin herummarschieren möchten. Das mag zu Irritationen führen, aber damit muss man leben. Die Welt ist voller Missverständnisse. Bis vor kurzem hat unsere Tochter zum Beispiel noch geglaubt, Praktikant sei ein Beruf.
Mein Sohn hat mich gerade ganz stolz am Ärmel zu Saras Rechner geschleift. Er wolle mir unbedingt zeigen, was er Großartiges bei Minecraft angestellt habe. Minecraft ist ein Online-Spiel, in dem man aus grob gepixelten Baustoffen eine Welt basteln und darin Abenteuer erleben kann. Es ist wie Lego, nur nicht so schön. Er trifft sich in seiner Minecraft-Welt mit Freunden. Alle tragen dabei Kopfhörer mit Mikrofonen und quatschen über alles Mögliche. Eigentlich ideale Voraussetzungen für eine Karriere in einem Callcenter. Jedenfalls verbringt er eine Stunde pro Tag bei Minecraft. Nun war seine Zeit um und er wollte mir unbedingt zeigen, was er dort getrieben hatte. Und ich staunte nicht schlecht. Auf dem Monitor erstrahlte ein ausgesprochen komfortables, digitales: Baumhaus.