Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.05.2014

373_Die Lahm-Invasion

Zuerst die gute Nachricht: Die brasilianischen Fußballstadien sind tatsächlich fast fertig. Jedenfalls im Panini-Album meines Sohnes. Gestern hat Nick gemeldet, Rio sei komplett, Natal und Curitiba ebenfalls. Porto Alegre fehle allerdings noch zur Hälfte, genau wie Sao Paulo. In Manaus sehe es hingegen düster aus. Dieses Stadion habe übrigens bisher niemand in seinem Bekanntenkreis. Es habe sich daher in der ganzen Jahrgangsstufe sechs die Ansicht durchgesetzt, Manaus sei lediglich eine Erfindung von Panini, um den Sammelbilderverkauf künstlich anzuheizen. Auf jeden Fall sei er zuversichtlich, außer Manaus sämtliche Sportstätten der Fußball-Weltmeisterschaft bis zum Beginn der Spiele in seinem Album vervollständigt zu haben.
Möglicherweise ist Nick erfolgreicher als die Bauherren in den echten Stadien, denen zum Teil noch Wasseranschlüsse und Verkehrsanbindungen fehlen. Und Sitze, was aber das geringste Problem darstellt. Beim Fußball kann man ja auch mal stehen. Von den 640 insgesamt benötigten Sammelbildern besitzt Nick jedenfalls Stand heute ungefähr ein Drittel, dazu achtzig Doppelte. Was ihm noch fehlt, befindet sich in den Tütchen, die er täglich beim Schreibwarenhändler in unserem Dorf erwirbt. Der Mann sitzt auf einem Barhocker und öffnet alle zwanzig Minuten eine neue Verkaufsbox mit Sammelbildertütchen. Er nervt Nachbarn und Kunden zurzeit mit wahnsinnig guter Laune. Vermutlich hat er wie Nick und seine Klasse bei Wikipedia das „Sammelbilderproblem“ nachgelesen und mit seinem Taschenrechner ausgerechnet, was die Kinder anlegen müssen, wenn sie am Ende ein volles Album mit allen Spielern haben wollen, inklusive Souleymane Bamba, Masato Morishige und Andrea Pirlo, der seine 14. WM bestreitet und deshalb etwas melancholisch aus dem Album guckt. Der Schreibwarenmann weiß, dass über 500 Euro nötig wären, um sämtliche Bildchen zu besitzen. Ich glaube, in drei Wochen sitzt er auf einem goldenen Barhocker.
Wobei natürlich niemand tatsächlich 900 Päckchen mit Sammelbildern bei ihm kaufen wird. Aber dreihundert sind nicht ganz unrealistisch. Und da würde ich schon gerne mal wissen, woher unser Sohn die Kohle dafür hat. So viel Kleingeld kann er unmöglich in Sofaritzen oder der schmutzigen Wäsche gefunden haben. Vielleicht hat er einen Nebenjob. Oder er verhökert meine CDs. Als ich ihn darauf ansprach, erwiderte er, dass die ganze Panini-Sache am ehesten ein Tauschgeschäft sei. Das stimmt natürlich, das war schon immer so.
Nick zieht morgens mit seinem Päckchen los, das von einem Gummiband zusammengehalten wird. Es sieht aus wie ein Geldbündel aus einem Mafiafilm. In der Pause tauschen sie dann oder sie spielen um Karten, was wir nicht gefällt, auch weil es den Bildchen teilweise nicht gut tut. Nicks Manuel Neuer zum Beispiel wurde im Verlauf eines offenbar sehr körperlichen Tauschvorgangs massiv verknittert. Er sieht jetzt in Nicks Album aus wie Johannes Heesters, nur ohne Zylinder. Heesters hätte ja für die Niederlande gespielt. So wie Arjen Robben, den Nick auch schon eingeklebt hat.
Vergleicht man den Robben aus Nicks Album mit dem Robben aus meinem Band von 2006, stellt man fest, dass der Mann tatsächlich mal Haare hatte. Mertesacker hat jetzt einen Bart, Schweinsteiger grinst nicht mehr als hätte er gerade einen Apfel geklaut. Nur Philipp Lahm sieht in beiden Heften aus wie Philipp Lahm. Ein irgendwie gearteter Alterungsprozess ist bei ihm nicht sichtbar. Das muss misstrauisch machen, zumal Nick eine Lahm-Inflation zu beklagen hat. Er besitzt den deutschen Kapitän gleich vier Mal. So ähnlich ging es mir 2006 mit Giovanni van Bronckhorst. Wahrscheinlich haben sie Deutschland mit ihm überschwemmt und in Holland herrschte dafür akuter Bronckhorstmangel.
Dieser Vorwurf ist übrigens so alt wie das Panini-Business. Ich war elf wie mein Sohn jetzt, als ich das „Krieg der Sterne“-Album bekam. Wir kauften, wir tauschten, wir klebten. Aber am Ende hat mir ein Bild gefehlt. Ein einziges. Und ich war ganz sicher, dass es niemals gedruckt worden war. Es handelt sich um die linke untere Ecke des Todessterns. Wenn die irgendwer hat, ich nehme sie gerne und biete dafür zwölf Giovanni van Bronckhorsts.