Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.06.2014

375_Gartenidylle 2014

Man kann die Kulturgeschichte Deutschlands sehr gut anhand der Gegenstände erzählen, die unsere Landsleute sich in den Garten stellen. Der Gartenkram ist so etwas wie eine Visitenkarte, ein Ausdruck des allgemeinen Zustandes der Republik, um nicht das steindämliche Wort „Verfasstheit“ zu verwenden. Wenn es in Texten ganz wichtig wird, benutzen Journalisten häufig diesen bescheuerten Begriff. „Verfasstheit“. Sie meinen eigentlich „Verfassung“ oder „Zustand“, aber das klingt ihnen nicht klug genug. Menschen, die „Verfasstheit“ schreiben, wenn sie „Zustand“ meinen, besitzen keinerlei Selbstbewusstsein und hupen Omas von der Straße. Egal.
Jedenfalls kann man an den Gärten sehen, wie es uns geht, nämlich mit jeder Mode immer besser. Ganz früher ließ sich das Gemüt der Deutschen an den Gartenzwergen ablesen, später an der Zahl der weißen Stapelstühle und dem Umfang der Goldfischteiche. Im WM-Jahr 2006 ging es uns dann wahnsinnig gut. In jedem zweiten Garten stand ein Partyzelt oder wenigstens ein weißer Pavillon. Die Dinger waren günstig, bei Bedarf erweiterbar und sahen auf den ersten Blick aus, als käme gleich Bettina Wulff zu Besuch. Sie ist für mich bis heute der Mensch gewordene Garten-Partypavillon. Nach zwei Sommern waren die Polyesterzelte vergilbt und dann und wann sah man bei Sturm eines durch die Nachbarschaft fliegen.
Als nächstes wurden massenhaft Gasgrills auf die Terrassen gerollt. Eine finstere Zeit war das. Kohlegriller fühlten sich wie Steinzeitmenschen, aber zum Glück ebbt die Gasgrillbegeisterung schon wieder ab. Ich trage dazu bei, indem ich bei Einladungen immer Alufolie als Gastgeschenk mitbringe, mit der die Gasfetischisten ihren Grill auspolstern können, damit nichts schmutzig wird. Diese Kulturtechnik zur Fettsammlung hat sich auch bei Pommesbuden durchgesetzt und man kann die Gasgrillheinis damit auf die Palme bringen.
Den Platz zwischen dem Gasgrill und der sich metastasenhaft in deutschen Gärten ausbreitenden Outdoor-Lounge-Möblierung aus Polyrattan füllt vielerorts ein tönerner Buddha. Dieser hat in den letzten Jahren den Gartenzwerg weitgehend verdrängt. Garten-Buddhas gibt es in sehr vielen Größen in praktisch jedem deutschen Baumarkt, allerdings sieht er meistens nicht aus wie der Erwachte, der die Reinheit und Vollkommenheit des Geistes erlangt hat, sondern wie ein leicht bekleideter pfälzischer Zecher nach einem Saunagang mit Latschenkiefer–Aufguss.
Der aber womöglich größte denkbare Gartenrenner aller Zeiten ist das Trampolin. Man könnte bei einem Gang durch ein beliebiges deutsches Wohnviertel den Eindruck bekommen, die Deutschen seien allesamt Kängurus. Ganz oft wird am Trampolin eine vier Meter hohe Socke aufgespannt, um die Knochenbruchgefahr zu mildern. Seit gestern steht auch bei uns so ein Ding, weil Nick meinte, er könne unmöglich ohne Trampolin überleben. Nun wohnen wir nicht im Richmond Park in London. Der ist zehn Quadratkilometer groß und man kann mühelos ein hässliches Trampolin darin verstecken. Bei uns geht das nicht. Der einzig denkbare Platz wurde außerdem von Nicks Spielhaus beansprucht, einer Art Freisitz auf Stelzen, den ich vor sieben Jahren unter der regen Teilnahme meines Sohnes aufgebaut habe. Er brannte darauf, dort einzuziehen und verbrachte tatsächlich insgesamt drei Monate seines Lebens in dieser Hütte. Nun drang er auf ihren Abriss. Kinder können sehr unromantisch sein, wenn sie ein Trampolin haben wollen.
Ich baute das Spielhäuschen ab und fand darin zwei Zigarettenkippen, obwohl ich nie darin geraucht habe, dann zersägte ich die Hütte in verfeuerbare Holzreste. Schließlich stellte ich das Trampolin auf. Später saß ich an der Feuerschale, verbrannte ungefähr die Hälfte des Häuschens und trank Rotwein. Ich hörte keine Musik, den Soundtrack des Abends bildete das Gequietsche der Sprungfedern von ungefähr sieben Trampolinen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier und da flog ein Familienvater in die Luft und winkte über den Haselnussstrauch hinweg. So sieht sie aus, die deutsche Idylle im Sommer 2014.