Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.06.2014

376_Der Gewaltmarsch

Man soll wie ein Kieselstein reagieren, wenn gefragt wird, ob man ein Zelt besitzt. Was bei mir der Fall ist. Es handelt sich um ein Wurfzelt. Ich habe es geschenkt bekommen und es genau einmal geworfen. Es landete tatsächlich pikobello ausgeklappt auf dem Rasen. Ich habe es dann zwei Stunden lang wieder verpackt und seitdem lag es im Schuppen. Als nun bei der Elternversammlung Dattelmann in die Runde fragte, wer ein Zelt habe, hob ich den Finger. Ich rechnete damit, das Zelt nur verleihen zu müssen. Das war natürlich naiv. Wenn der Schulpflegschaftsboss nach einem Zelt fragt, meint er eigentlich: „Wer von Euch packt seine Campingausrüstung, Proviant und vier Kinder zusammen und bringt alles mit der Regionalbahn in die Berge, achtet darauf, dass beim Wandern niemand verloren geht und fügt sich in mein Rahmenprogramm, welches aus Singen, Schnitzen, Frohlocken und vor allen Dingen Marschieren besteht!?“
In dem Augenblick, in dem ich die Hand hob, wurde mir das alles schlagartig klar, aber da war es schon zu spät. „Ah, ein Freiwilliger,“ rief Dattelmann und schrieb meinen Namen auf. Er rekrutierte noch weitere zwei Väter und eine alleinerziehende Mutter, die zwar kein Zelt besitze, aber am Wochenende nie etwas vorhabe, wie sie freimütig bekannte. Dattelmann teilte uns in verschiedene Arbeitsgruppen ein, verteilte Zeitpläne und kündigte an, Abends am Lagerfeuer etwas ganz Feines zu grillen.
Die Fahrt in die Berge drei Tage später verlief reibungslos, wenn man davon absieht, dass Sara unserem Sohn Nick zwar eine phänomenale Proviantdose mitgab, dieser aber nicht mit mir teilen wollte. Aus Hunger und Verzweiflung spielte ich Stein, Schere, Papier gegen seinen Freund Maximilian und luchste diesem ein Wurstbrot ab, was mir umgehend einen Tadel von Dattelmann eintrug. Dieser kassierte bei der Ankunft meine und die Zigaretten der anderen Eltern, und zwar erstens wegen der Waldbrandgefahr, zweitens wegen der Kinder und drittens weil das Rauchen ohnehin ungesund sei. Bevor ich ihm meine Schachtel aushändigte, versteckte ich eine Kippe in meiner Jackentasche.
Dann marschierten wir los. Ich besitze keine Wanderausrüstung, also trug ich Turnschuhe. Luis Trenker hatte schließlich auch keine atmungsaktiven Klamotten und sicher keine Wanderschuhe mit atmenden Membranen oder wie das heißt und er ist trotzdem auf dem Matterhorn angekommen. Nach zwei Kilometern bat ich dringend um eine Pause, weil ich Blasen an den Füßen hatte, aber Dattelmann verwies auf den straffen Zeitplan, innerhalb dessen er noch mindestens zwei Eichhörnchen fürs Abendbrot erlegen müsse. Sonst gebe es nichts zu essen, drohte er. Ich schulterte zu meinem Rucksack, dem Grill und dem Wurfzelt noch die Tasche von Madelaine sowie zeitweise Nicks Kumpel Finn, der angeblich unter Asthma litt, wovon ich bisher nie etwas bemerkt hatte. Aber man möchte ja nicht, dass so ein Elfjähriger in der Notaufnahme röchelnd mit dem Finger auf einen zeigt.
Nach vier Stunden erreichten wir das Lager. Das heißt, ich erreichte es etwas später als Dattelmann, der bereits vier Zelte fachmännisch aufgebaut hatte und sich gerade auf die Suche nach grillbaren Nagetieren machte. Er rief mir zu, ich solle mal mein Zelt werfen und ich warf. Es flog ausgezeichnet, klappte sich in der Luft perfekt aus, landete mitten im Bach neben der Wiese und schwamm davon. Dattelmann stürmte hinterher, watete in die Strömung und führte einen Siegfriedesken Kampf mit dem störrischen Zelt. Er gewann, brachte mir das nasse Ding und nannte mich unterqualifiziert in Naturbegehungen.
Das Abendessen bestand aus zwei nicht näher identifizierten Tieren, von denen eines vier Beine besaß und das andere Flossen. Die meisten Kinder verweigerten die Nahrungsaufnahme und tauschten Fußballbildchen. Ich verdrückte mich früh in mein nasses Zelt und schlief sofort ein. Als ich gerade davon träumte, mit Adriana Lima ein neues Leben anzufangen, riss jemand den Reißverschluss meines Zeltes auf. Ich spürte eine Hand an meinem Fuß. Das war Dattelmann. Er rief: „He. Du Schlafmütze! 0 Uhr! Nachtwanderung.“

Fortsetzung nächste Woche