Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.06.2014

377_Lost im Wald

Nein, ich war nicht freiwillig mitgekommen. Elternboss Dattelmann hatte mich gezwungen, am letzten Freitag und Samstag mit ihm, 21 Kindern und drei weiteren Erwachsenen diese Exkursion in den Bergen zu absolvieren. Wandern und Zelten, zwei Tätigkeiten, die mir so angenehm sind wie Nagelpilzbehandlungen mit Volksmusikbeschallung. Nachdem ich mich versehentlich freiwillig dazu gemeldet hatte, fiel mir aber ein positiver Nebeneffekt dieser Fron auf. An unserer Schule müssen sich nämlich die Eltern zwanzig Stunden pro Jahr in den Dienst der Schule stellen. Glühwein ausschenken, Lose verkaufen, Müll aufsammeln, solche Dinge. Ich rechnete aus, dass ich mich mit dem Wanderwochenende komplett freikaufen würde und mit diesem tröstenden Gedanken sowie zwei aufgestochenen Blasen an den Füßen schlief ich nach dem ersten Tag in meinem Zelt ein.
Gegen Mitternacht weckte mich Dattelmann zur obligatorischen Nachtwanderung. Als ich aus dem Zelt taumelte, hatte er bereits sämtliche Teilnehmer in Gruppen eingeteilt, darunter auch meinen aufgedrehten Sohn, der sich mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtete und verkündete, er sei ein brandgefährlicher Serienkiller und werde jeden Nachtwanderer aufschlitzen und waidgerecht zerteilen. Keine Ahnung, wo er das her hat. Dattelmann übergab mir eine Karte, mit deren Hilfe meine Gruppe auf verschlungenen Pfaden zu einer Lichtung gelange, wo es ein Nachtmahl gebe. Wer zuerst dort ankomme, könne sich auf Marshmellows freuen. Mein Sohn stob ins Gehölz und mit ihm verschwanden seine Genossen.
Ich brach mit den mir anvertrauten Kindern wie vorgeschrieben in die entgegengesetzte Richtung auf. Leider musste ich feststellen, dass sich in meiner Gruppe ausschließlich Heulsusen befanden, mich eingeschlossen. Es war kalt, es war dunkel, der Wald machte Geräusche und Madelaine trat in einen größeren Haufen, von dem ich annahm, dass er von einem Bären hinterlassen worden war, der nun hinter einem Baum stand und sich überlegte, wen von uns er zuerst fressen sollte. Kinder sind zarter, aber an Erwachsenen ist mehr dran, sinnierte ich. Die Taschenlampen funzelten durch den Forst, die Kinder trippelten hinter mir her und ich verbot Adrian, wie ein Ork zu grunzen.
Nach einer guten Viertelstunde sollten wir die Lichtung gefunden haben. Aber da, wo wir auskamen, war keine Lichtung, da waren nur Bäume. Ich studierte den Plan und wurde nicht schlau daraus. Schließlich nahm Adrian mir die Karte aus der Hand und drehte sie richtig herum. Ich finde ja altkluge Elfjährige eine echte Strafe. Trotzdem kehrte ich um und marschierte wieder zurück. Adrian und Finn wiesen mich darauf hin, dass es noch ein anderes Zurück geben musste, weil wir ganz sicher nicht an diesem großen Felsen vorbei gekommen seien, aber ich ließ mich von den altklugen Gören nicht beirren. Nach einer guten halben Stunde zog ich mein Handy heraus und rief Google Maps auf, was sonst immer hilft. Diesmal aber nicht, denn erstens sind dort keine Waldwege im deutsch-österreichischen Grenzgebiet verzeichnet und zweitens hatte ich keinen Empfang. Ich begann, mir Sorgen zu machen, denn ich hatte komplett die Orientierung verloren. Madelaine fing an zu weinen.
Ich suchte in meiner Jackentasche nach der einen Zigarette, die ich vor Dattelmann versteckt hatte. Er hatte allen Eltern unter Androhung von weitreichenden Konsequenzen das Rauchen verboten und sicherheitshalber alle Packungen konfisziert. Nur nicht die eine Zigarette, die ich mir nun im Moment größter Ratlosigkeit ansteckte. Nach dem zweiten Zug hörte ich eine Stimme: „Natürlich. Wen haben wir denn da? Erst nicht richtig mitspielen und dann vor den Kindern qualmen. Das ist ja wohl das Letze, aber wirklich das Allerletzte.“ Ich fühlte mich, als hätte mir Dattelmann die Orden von der Brust gerissen. Schweigend folgte ich ihm. Nach eineinhalb Minuten hatten wir die Lichtung erreicht, auf der die Anderen saßen und verkokelte Marshmellows futterten. Die zwei Tage später einstimmig beschlossene Strafe der Schulpflegschaft für mein defätistisches Verhalten war drastisch: Keine einzige Schularbeitsstunde wurde mir gutgeschrieben. Und nächste Woche muss ich die Würstchen beim Schulflohmarkt grillen.