Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.06.2014

378_Orientierungshilfen

Es fällt nicht leicht, in diesen schnelllebigen Zeiten die Orientierung zu behalten, zumal wenn man dafür ein schlechtes Navigationsgerät verwendet. Neulich steuerte ich einen Mietwagen, der mit einem System ausgestattet war, das mich zuverlässig in jeden irgendwie erreichbaren Stau manövrierte. Außerdem sprach das Ding nur gebrochen Deutsch. Den Zielort sprach der Apparat beharrlich so aus, dass er klang wie „Diplomingenieur.“ Am Ende kam ich zum Ziel, indem ich etwas völlig Verrücktes machte: Ich fragte nach dem Weg. Auf diese Idee kommt ja heute kein Mensch mehr. Das ist so ähnlich wie mit dem Nachdenken. Neulich hörte ich meine Tochter Carla den schönen Satz sagen: „Denken ist wie Googeln, nur noch krasser.“ Egal. Jedenfalls bat ich eine ältere Dame um Hilfe.
Das Gespräch mäanderte weitgehend ergebnislos durch zahlreiche komplizierte schwäbische Wegerklärungsfloskeln, um dann in der Auskunft zu stranden, Diplomingenieur sei irgendwo dahinten. Ich bedankte mich, fuhr weiter und stieß schließlich in der von ihr angezeigten Richtung auf mein Ziel. Es lag gute vierzig Kilometer von dem Ort entfernt, den das Navi für mich ausgespäht hatte. Als ich den Wagen zurückgab, wies ich den Mann von der Autovermietung darauf hin, dass das Navi Mist sei und er antwortete: „Ja, aber man muss ja heutzutage eins anbieten.“
Und was lernt man daraus? Dass man trotz oder gerade wegen der modernen Technik ständig die Orientierung verliert. Und das ist deshalb so unangenehm, weil wir uns immer weiter den Ideen der Software-Entwickler ausliefern. Wir werden immer hilfloser. Um uns im Irrsinn der Gegenwart überhaupt noch zurecht zu finden, benötigen wir eine kompetente Lebensbegleitung. Und diese Unterstützung bietet heute meiner Meinung nach nur noch: die naturwissenschaftliche Forschung. Sie ist Anker und Boje in unserer Wahrnehmung der Welt geworden. Nicht ohne Grund sind die Wissenschaftsteile in den Zeitungen inzwischen so beliebt. Die Gelehrten aus Biologie, Physik und Chemie bieten uns eine bis ins Detail reichende Beschäftigung mit den essentiellen Fragestellungen des Lebens und dazu eine konstante und deshalb beruhigende Ernsthaftigkeit, welche natürlich aus ihrer Abhängigkeit von Fördergeldern gespeist wird. Wenn ein Forscher sich äußert, dann immer mit einem dringlichen Ernst, schließlich möchte er eine etwaige finanzielle Unterstützung nicht dadurch verwirken, dass er nur Blödsinn erforscht und diesen proseccogelaunt in die Welt trompetet.
Also hauen die Wissenschaftler dann und wann mit donnerndem Pathos ein paar Wahrheiten raus, damit wir uns daran aufrichten können und die Welt besser verstehen. Zum Beispiel wurde soeben öffentlich gemacht, dass alle Säugetiere der Welt gleich lang pinkeln, sofern sie schwerer sind als drei Kilogramm. Für diese bahnbrechende Entdeckung stellten Forscher im Zoo von Atlanta Videokameras auf, filmten monatelang 16 Tierarten bei der Verrichtung ihrer Notdurft und drückten immer zu Beginn und am Ende auf die Stoppuhr. Und siehe da: Egal, ob es sich um eine Ziege, eine Katze oder einen Elefanten handelte, die Tiere brauchten immer 21 Sekunden, um ihre Blase zu entleeren, und dies völlig unabhängig von deren Größe. In diesem Zusammenhang wurde gleich noch erklärt, dass ein Elefant 18 Liter Urin fasst, während in die Blase einer Katze nur Fünf Milliliter passen. Beide Mengen werden jedoch innerhalb von 21 Sekunden abgeschlagen. Faszination Wissenschaft.
Ich kann nie derselbe bleiben, weil ich dauernd mit neuen Informationen verändert werde. So navigiert man ständig upgedatet durchs Leben. Wobei: speziell in diesem Fall müssten Zweifel am Befund der Forscher erlaubt sein. Ich bin nämlich auch irgendwie ein Säugetier, wiege ebenfalls über drei Kilogramm und ich kann mich an ein Schützenfest in Lank-Latum erinnern, das war 1985. Und da habe ich nach Mitternacht von außen ans Bierzelt gepinkelt, und zwar fast so lange wie „An der Nordseeküste“ dauert. Und das ist viel länger als 21 Sekunden. Aber unter den gemessenen Tierarten im Zoo von Atlanta war wohl kein bezechter Schützenfestbesucher. Wahrscheinlich wollten sie sich von so einem nicht die Ergebnisse verwässern lassen.