Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.07.2014

379_Der Allerbeste

Seit Wochen werden uns raunend beste Fußballspieler der Welt angedient. Vor der WM war Cristiano Ronaldo noch der Beste, währenddessen dann aber doch nicht so. Neymar auch nicht. Bei einem Spiel hatte er über dreißig Minuten lang keinen einzigen Ballkontakt. Wahrscheinlich war er gar nicht da, sondern mit Freunden Kuchen essen. Egal. Ich fürchte, Oliver Welke vom ZDF würde an dieser Stelle kalauern, der brasilianische Stürmer habe in den meisten Spielen keine besonderen Neymar-Qualitäten bewiesen.
Lionel Messi ist ebenfalls der beste Fußballer der Welt. Im Spiel gegen Iran absolvierte Messi 42 Pässe, von denen 39 beim Mitspieler ankamen. Das ergibt eine Passquote von über neunzig Prozent. Sehr beeindruckend. Bastian Schweinsteigers Passquote ist übrigens genau so hoch, allerdings schlug er im Spiel gegen Algerien 100 Pässe. Er ist also eigentlich zumindest in diesem Punkt viel besser als der beste Spieler der Welt. Aber das ist den meisten Reportern nicht so wichtig. Sie möchten sich nur ungern von Tatsachen die schöne Begeisterung für Messi, Neymar oder Ronaldo vermiesen lassen.
Zu ihrem Beruf gehört auch das Fragestellen. Und so kam es nach der Begegnung zwischen Deutschland und Algerien zu einem denkwürdigen Gespräch. Der ZDF-Kollege Boris Büchler hoffte vielleicht, dass Abwehrspieler Per Mertesacker nicht mehr genug Power hätte, um auf die miesepetrigen Anwürfe des Reporters angemessen zu reagieren. Dies war aber nicht der Fall. Mertesacker trat im Interview sogar entschieden kampflustiger auf als vorher auf dem Fußballplatz. Hinterher haben die Medien aber nicht den beleidigten Spieler, sondern den Fernsehmann gelobt. Er habe den Finger in die Wunde gelegt, jubelte die FAZ.
Nun ist gerade das aber auch einfach, wenn das Gegenüber abgekämpft, ausgepumpt und verschwitzt um Worte ringt. Um Waffengleichheit herzustellen hätte Boris Büchler vielleicht vor dem Interview zehn Mal ums Stadion laufen müssen. Wäre doch interessant zu wissen, wie das Gespräch dann gelaufen wäre. Jedenfalls finde ich diese Form der Berichterstattung immer etwas fragwürdig, und es kommt ja nie sehr viel dabei herum.
Wenn ich etwas sehr Anstrengendes gemacht hätte, würde ich anschließend auch nicht gerne interviewt werden. Nach dem Rasenmähen zum Beispiel. Das dauert bei mir immer ewig und ich habe zähe Gegner, zum Beispiel Baumwurzeln und Steigungen und Spielzeug oder Kieselsteine im Rasen. Manchmal zerfahre ich eine Blindschleiche, das ist auch psychisch belastend. Ich habe den Rasenmäher gerade wieder in den Schuppen gestellt und sehne mich nach einer Eistonne, da kommt Boris Büchler angewackelt und sagt: „Glückwunsch zum gemähten Rasen, was hat Ihren Auftritt so schwerfällig und so anfällig gemacht?“ Da wird man doch sofort stinkig. Der Rasen sieht pikobello aus. Also antwortet man: „Ist mir völlig wurscht, ich bin jetzt unter den letzten Acht in der Nachbarschaft und nur das zählt.“ Büchler gibt nicht auf. Er fragt: „Aber das kann ja nicht das Niveau sein, auf dem Sie Rasen mähen wollen. Es ist doch klar, dass man sich da noch steigern muss, das dürfte auch Ihnen klar sein.“ Der hat sie wohl nicht alle.
Jetzt werde ich sauer und sage: „Was wollen Sie jetzt von mir? So kurz nach dem Rasenmähen. Das kann ich nicht verstehen.“ Der Büchler macht trotzdem weiter: „Ich gratuliere erst Mal und will aber dann wissen, warum da hinten an der Hecke immer noch langes Gras zu sehen ist und warum das Umschalten auf die Mulchfunktion nicht so gut gelaufen ist wie man sich das vorgestellt hat.“ Der hat einfach keine Ahnung vom Rasenmähen, der Typ. Also sage ich: „Glauben Sie, das ist hier ein Karnevalsrasen? Der hat es mir 120 Minuten lang richtig schwer gemacht. Und ich habe gekämpft bis zum Ende. Und ich habe dann überzeugt. Es war ein Auf und ab mit dem Rasenmäher und am Ende habe ich verdient gewonnen.“ Und dann will der noch mal wissen, wann es denn spielerisch endlich besser wird. Und da kann ich nur mit Per Mertesacker sagen: „Ich versteh’ die ganze Fragerei nicht. Ich bin superhappy mit dem Rasen und bereite mich jetzt aufs Grillen vor.“ Dämliche Fragerei. Aber wirklich.