Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.07.2014

380_Eine Stadt mit „K“

Das Anstrengende an Jugend ist, dass sich die Weltsicht eines jungen Menschen doch sehr stark durch Ablehnung herausbildet. Wobei ich verstehen kann, wenn ein Jugendlicher dröhnend postuliert, dass er Fußpilz und Zitronat nicht leiden kann. Häufig bezieht sich die Ablehnung jedoch auf Dinge und Personen, die einem nicht im Traum als besonders negierungswürdig eingefallen wären. Ich weiß zum Beispiel nicht, was gegen meine Person einzuwenden ist. Jedenfalls nicht von Seiten meiner Tochter. Dennoch bin ich das Ziel von erniedrigenden Attacken. Am Wochenende überraschte Carla mich mit der Einlassung, es gebe drei wirklich entsetzliche Dinge auf der Welt, nämlich Krieg, Armut – und Brunch. Das war, nachdem ich sie zu einem Brunch einladen wollte. Brunch sei das Allerletzte. Und Menschen wie ich, die da hingingen, seien gesellschaftlich unterste Schublade.
Diese unreflektierte aber im selben Ausmaß amüsante Antihaltung kann man den aktuellen Adoleszenten übrigens nicht vorwerfen, zumal wir vor dreißig Jahren genau so auftraten. Wobei meine Generation politischer war. Vor dreißig oder vierzig Jahren fanden jedenfalls andauernd Familiendiskussionen zu den Top-Reizfiguren Dregger, Filbinger, Strauß oder Geißler statt. Für Carla sind die aktuellen Polit-Protagonisten hingegen kein Thema. Sie kann schon die Vertreter der Parteien kaum voneinander unterscheiden. Seehofer oder Gabriel, Steinmeier oder Dobrindt: Für sie sind das alles schlaffe Anzugfiguren und da hat sie vermutlich Recht. Natürlich findet sie bereits das Tragen eines Anzuges einen epic fail.
Darin unterscheidet sie sich von ihrem kleinen Bruder. Nick hat mir jüngst erklärt, er hätte lieber eine Anzugtype als Vater. Er lehnt meinen Kleidungsstil rigoros ab. Dabei habe ich gar keinen. Ich trage nur keine Anzüge bei der Arbeit, weil es nun einmal in meinem Beruf nicht nötig ist. Nick besucht häufiger andere Haushalte und erlebt dort, wie Anzugväter von der Arbeit kommen. Ihr Auftritt besitzt eine gewisse Grandezza, die unserem Alltag fehlt. Da sitzt der Vater jeden Tag in T-Shirt und Schlappen vor dem Rechner und isst Pralinen. Was das eigentlich für eine Arbeit sein solle, fragte mich Nick vor einigen Tagen mit beträchtlichem Weltekel in der Stimme. Ich erläuterte ihm, meine Arbeit sei schön und dass es auch Väter geben müsse, die schreiben, zumal es schon extrem viele gibt, die rechnen. „Aber deshalb musst Du ja nicht rumlaufen wie ein Hartzer“, sagte er wirklich zu mir.
Brüsk verabscheut werden von Carla auch Mangos. Es sei gar nicht so, dass ihr Mangos nicht schmecken würden, aber es wimmele zurzeit von Mangos und dazu müsse man sich antizyklisch verhalten, erklärte sie mit dogmatischem Tremolo. Ich schälte mir daraufhin eine ganz köstliche Mango, worauf Carla rief: „Die Mango ist die Kiwi der Zehnerjahre.“ Damit hat sie auf jeden Fall Recht. Und die Kiwi war die Banane der achtziger Jahre. Ich habe das bestimmt damals so gesehen.
Was Carla zudem mit großer Leidenschaft missbilligt, sind Familienspiele während langer Autofahrten. Wann immer wir mit „Ich-sehe-was-was-Du-nicht-siehst“ anfangen, sagt sie: „Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist blöd.“ Nick schlägt dann sämtliche Familienmitglieder vor und Carla sagt: „Genau. Papa. Spiel zu Ende.“ Daraufhin habe ich neulich auf einer Reise vorgeschlagen, wir könnten doch mal wieder „Stadt-Land-Fluss“ spielen, aus dem Kopf. Carla seufzte tief und schaltete in den Obstruktionsmodus. Nick sagte „A“, ich stoppte ihn bei „K“. Dann sagte ich: „Also gut, Leute, eine Stadt mit „K““. Und Carla antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Karstadt.“
Aber was das Politische betrifft, habe ich meiner Tochter offenbar Unrecht getan. Ganz ohne Interesse ist sie in diesem Bereich wohl doch nicht. Gestern beim Mittagessen ging es nämlich um Nicks Frage, warum man das Datum einstelliger Tage, Monate oder Jahre häufig mit zwei Ziffern darstelle. Darauf sagte Carla, dass die Null auf der linken Seite ja im Grunde keinen Wert habe. Und dann fügte sie den bemerkenswerten Satz hinzu: „In der Mathematik und in der Politik ist es mit den Nullen das Gleiche: Nullen stehen immer Rechts, wenn sie was gelten wollen.“