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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.07.2014

381_Wahre Helden

Der Held als solcher zeichnet sich durch enorme Brustmuskulatur und einen proportional eher schmalen Po aus. Er trägt echsenartige und eng sitzende Trikotagen, die aus atmungsaktiven Kunstfasern gefertigt werden, damit der Held nicht schwitzen muss. Die meisten mir bekannten Helden sind sogar Superhelden und verfügen daher über Superkräfte. Eine Ausnahme bildet hier der Erfinder und Milliardär Tony Stark, der aber zum Ausgleich einen nahezu unbezwingbaren und mit allerhand Feuerwaffen ausgestatteten Panzeranzug trägt. Superhelden kommen meistens in Comics und in Actionfilmen vor, weniger häufig in der Wirklichkeit. Es ist nämlich überaus zeitraubend, ein Held zu sein. Man bringt das kaum noch mit dem Beruf in Einklang. Das gelingt nur den Allerwenigsten.
Trotz dieser hohen Definitionshürde gehen wir mit dem Prädikat „Held“ verhältnismäßig leichtfertig um. Als Helden bezeichnen wir bereits seit den fünfziger Jahren und auch heute vor allen Dingen: Erfolgreiche Fußballspieler. Damals die Helden von Bern, jetzt gerade hochaktuell: Die Helden von Maracanã. In diesem Zusammenhang ist jetzt ständig die Rede davon, wie Bastian Schweinsteiger sich im Finale aufgeopfert habe. Tatsächlich hat er toll gekämpft und sich sogar während des Spiels die blutende Birne tackern lassen, aber er ist zum Glück noch am Leben, von einem Opfer kann also nicht ernsthaft die Rede sein. Auch die anderen Kameraden sind mehr oder weniger intakt aus der Fremde heimgekehrt, auch wenn sich Christoph Kramer nach einem Zusammenstoß mit zwei argentinischen Rhinozerossen an nichts mehr erinnern kann, was auch irgendwie heldenhaft klingt, weil es nahelegt, dass hier jemand über seine Grenzen gegangen ist.
Und das mögen wir Deutschen. Boris Becker hat 1985 in Wimbledon ebenfalls Grenzen überwunden und Mats Hummels im verzweifelten Kampf gegen Lionel Messi sowieso. Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang vielleicht auch mal das ausdauernde Wirken eines Schwaben namens Roland Maier, der 2001 die Weltmeisterschaft im Pfahlsitzen für sich entschied, weil er grenzenlos langweilige 184 Tage lang auf einem 2,50 Meter hohen Holzblock herum hockte. Das Pfahlsitzen wird dadurch erschwert, dass man lediglich einen Regenschirm, eine Leselampe, einen Aschenbecher sowie ein Telefonguthaben über 50 Euro dabei haben darf. Doch obwohl Herr Maier es ein knappes halbes Jahr bei Wind und Fritz-Walter-Wetter auf seinem Pfahl aushielt, hat er keinen Heldenstatus erlangt, was man ungerecht, aber auch wieder richtig finden kann, denn er hat mit seiner Maßnahme nicht die Ehre der Nation gerettet oder ein Ungeheuer bezwungen, was Manuel Neuer mit seiner „Supermann-Parade“ (BILD) beim Schuss von Benzema zweifellos gelang.
Wenn unsere Medien nicht gerade sportliche Höchstleistungen zu Heldentaten hochschmieden, findet der Begriff vor allen Dingen in der Berichterstattung über die Rettung von Haustieren aus Obstbäumen Verwendung. Das ist schade, weil es den Wert der wirklichen Heldentat doch beträchtlich schmälert. Von der ist kaum noch die Rede, was vielleicht auch am Fernsehen liegt, denn das zeigt die wichtigsten Sendungen immer viel zu spät. Da liegen die meisten Leute schon im Bett, außer es gibt auf einem anderen Programm gerade ein Elfmeterschießen.
Neulich zum Beispiel wurde um kurz vor Mitternacht an die vielen ermordeten Widerständler des Naziregimes erinnert. Die eindrücklichste Erkenntnis aus der Doku bestand in der Information, dass die meisten Widerstandskämpfer von ihren deutschen Landsleuten noch lange nach dem Ende des Krieges als Verräter angesehen wurden. Auch ihre Verwandten wurden angefeindet und ausgegrenzt. Erst nach Jahrzehnten fanden die Deutschen endlich die Kraft, die mutigen Leute der „Roten Kapelle“ und die Attentäter des 20. Juli 1944 als das zu betrachten, was sie waren, nämlich echte Helden. Viele davon in Uniform, aber leider ohne Superkräfte. Ich würde gerne vorschlagen, nur dann von Helden zu sprechen, wenn auch von echten Heldentaten die Rede ist. Ich weiß bloß leider nicht, wem man so etwas vorschlägt. Die Deutschen sind dafür gerade viel zu sehr mit ihrer Heldenverehrung beschäftigt.