Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.07.2014

382_Krasse Suggilation

Meine Tochter findet mich alt. Frechheit. Ich bin durchaus noch dazu in der Lage, dem Gespräch einer Gruppe 16jähriger zu folgen. Allerdings mag ich es, wenn dabei die Musik nicht so laut ist. Hallo! Hier gibt es Leute, die sich unterhalten wollen. Danke. Gerne rede ich bei einem kühlen Getränk mit jungen Menschen und lasse mich dabei in die Geheimnisse der Interaktion von männlichen und weiblichen Pubertieren einweihen.
Wobei ich das kühle Getränk übrigens nicht mehr aus der Flasche trinke. Aus Flaschen zu trinken ist ein Privileg für Babies und Maurer. Jenseits der vierzig weiß man, dass Bier aus der Flasche ein großer Irrtum ist. Aber das kann man Jugendlichen nicht beibringen. Die zucken mit den Schultern, sagen „Eh schon wurscht,“ und stürzen sich das Bier in den Schlund.
Aber immerhin darf ich mit meinem Glas zwischen ihnen stehen und werde auf diese Weise Zeuge einer Diskussion darüber, was man zu einem Mädchen sagen darf und was nicht. Dabei ist kaum herauszufinden was erlaubt ist, weil streng genommen gar nichts erlaubt ist. Vielleicht verständigen die sich alle telepathisch. Was zum Beispiel überhaupt nicht geht, sind so genannte Anmachsprüche. In diesem Punkt sind Carla und ihre Kollegen ungefähr so humorlos wie der Zentralrat der SED. Wir fanden früher wenigstens noch ein ironisches Vergnügen dabei, diese blöden Sätze zu sagen. Zum Beispiel: „Hast Du Wasser in den Beinen? Meine Wünschelrute schlägt aus.“ Jemand der so etwas zu meiner Tochter sagt, schießt sich mit Lichtgeschwindigkeit in den Olymp der Peinlichkeit.
Schlimmer sind für sie nur Erwachsene, die krampfhaft versuchen, mit ihr in ihrem Jargon zu parlieren. Sobald wir Jugendsprache verwenden, schrumpelt unser Kind zusammen wie eine Tüte Caprisonne, wenn Mick Jagger am Strohhalm saugt. Sara machte neulich den großen Fehler, das Wort „Beef“ als Synonym für „Streit“ zu verwenden. Sie hatte gelesen, dass dies im HipHop-Slang durchaus gebräuchlich sei. Sie sagte also „Beef“, was Carla dazu veranlasste, sich die Hände auf die Ohren zu legen und laut zu singen: „Oh Gott, meine Mutter versucht cool zu sein, schrecklich, furchtbar, ist ein Arzt im Raum?“
Noch peinlicher wird es, wenn jemand in ihrer Gegenwart „abhängen,“ „relaxen,“ oder „chillen“ sagt, denn diese Begriffe sind allesamt veraltet und der Benutzer outet sich auf diese Weise als desorientierter Greis. Und das Allerschlimmstpeinlichste was es für unsere Kinder zu geben scheint ist schließlich der Anblick ihrer knutschenden Eltern. Sobald wir uns mal küssen, schreit Carla los, das sei so krass peinlich, dass sie vor Fremdscham umgehend sterben müsse. Und dass wir bitte sofort damit aufhören sollten.
„Warum denn?“ frage ich. Darauf sie mit Ekel in Ausdruck und Stimme: „Weil ihr alt seid.“ Und das ist wie gesagt gar nicht wahr. Jedenfalls fühlen wir uns recht jung. Aber die Definitionsgrenzen haben sich nun einmal verschoben. Was uns früher unangenehm berührte, ist heute offenbar kein Problem.
Knutschflecke zum Beispiel. Haben wir da nicht Halstücher getragen, um uns blöde Fragereien zu ersparen? Carla hingegen spart sich das Halstuch. Zum Frühstück brachte sie heute Morgen eine hypobare Sugillation von sagenhafter Größe mit. Dem Ding nach zu urteilen konnte kein Tropfen Blut mehr in dem Kind sein. Aber ihr war es überhaupt nicht peinlich. Kein bisschen. Im Gegenteil. Sie trug den Knutschfleck als sei er ein Diamant-Collier. Und nach einer Minute dachte ich: Doch. Steht ihr gut. Ich bin eben nicht alt genug, um mich darüber aufzuregen. Das beruhigte mich sehr.