Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.08.2014

383_Abisekt

Der Schulpflegschaftschef Ulrich Dattelmann befahl mich zum Abschlussfest unseres Gymnasiums. Ich sollte vier Stunden lang lauwarmen Orangensaft und/oder Sekt an aufgedonnerte Abiturientinnen und Abiturienten, vor Stolz glühende Eltern und urlaubsreife Lehrer ausschenken. Dabei bitte nicht kleckern, damit die Tische nicht so kleben und zwischendurch auch mal Gläser abräumen und in der Schulküche spülen. Kurzprogramm, eigentlich was für Doofe. Und für mich. Dröhnendes Gelächter. Zur Belohnung könne ich mir die Reden anhören, die seien traditionell sehr schön.
Das stimmt. Die gymnasiale Abschlussrede bietet mannigfaltige Möglichkeiten zur Verklappung von Metaphern. In dieser Hinsicht sind Lehrer praktisch nicht zu schlagen. Schüler formulieren noch erfrischend direkt und sagen Sätze wie: „Wir danken auch Frau Pfannenmüller dafür, dass sie uns nie verpetzt hat, wenn wir rauchend hinter der Turnhalle standen. Wir haben gerne unsere Zigaretten mit ihnen geteilt.“ Das ist frech und irgendwie nett. Darauf trank ich einen Sekt auf Ex. Ich stand alleine hinter meinem Getränkestand. Alle anderen saßen in langen Stuhlreihen und hörten zu. Ich genehmigte mir noch einen.
Es folgte der Direktor der Schule und der warf eine derart spritzende Sprachbildschleuder an, dass ich mich hinter meinen Gläsern ducken musste. Er verglich die Schülerbiographie mit einer langen, langen Zugfahrt. Da gab es Abteile, in die man gehen konnte, also Fächer. Und natürlich Bahnhöfe auf erreichten Etappen, das waren die Ferien und die Schuljahre. Der Fahrplan glich dem Lehrplan. An dieser Stelle trank ich einen Sekt. Es gab Passagiere, die lieber den Bummelzug nahmen (wohlmeinendes Lachen), manche drehten sogar eine Ehrenrunde – aber nein, niemand sei auf einem Abstellgleis gelandet (Applaus). Am Ende jeden Schuljahres mussten die Passagiere ihre Fahrkarte – also das Zeugnis – vorzeigen und die Lehrer waren in dieser Rede allesamt als Zugbegleiter unterwegs. Und jetzt sei also Endstation. Man steige nun bald in andere Verkehrsmittel um, auf der großen Reise durchs Leben. Bis zum Schluss der Rede hatte ich nicht weniger als fünf Sekt intus und ich sah die neidischen Blicke der Väter mit ihrem mörderischen Durst.
Aber sie mussten auf ihren Plätzen bleiben, denn es folgte die Elternsprecherin Dörte Plumm mit einer rauschhaften Metapher-Orgie aus dem Tierreich. So vielfältig glitzere das Gefieder der jungen Vögel (darauf ein Sektchen), so unsicher seien die Schwingen noch ganz am Anfang, wenn die Küken das Nest verließen und sich auf die Suche nach Wissensnahrung in die Schule begaben (Prost). Das Gymnasium nähme diese Vögel unter seine Fittiche und passe auf, dass niemand aus dem großen gemeinsamen Horst falle (Stößchen). Natürlich besäßen manche der Vögel einen ganz schön großen Schnabel, doch am Ende würden sie alle das gleiche schöne Lied vom bestandenen Abitur tirillieren (zum Wohle).
Ich dachte, nun würden die Zeugnisse übergeben und begann schon einmal neunzig bis hundert Gläser mit Sekt zu befüllen, da folgte noch eine Rede. Vertrauenslehrer Baumschmidt ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls das Wort zu ergreifen. Er unterrichtet unter anderem Sport, was man daran merkte, dass er die Karriere der Schüler mit den olympischen Spielen verglich. Für manche sei das Gymnasium ein nicht enden wollender Marathonlauf. Andere seien geschickte Geräteturner. Was er damit meinte, wurde mir nicht klar. Vielleicht meinte er ja, es handelte sich bei ihnen um geschickte Geräteturner. Darauf trank ich. Er erzählte dann von der ewig brennenden Fackel des Wissens, vom Staffelstab, den sie nun an nachfolgende Schüler weitergäben und von der Medaillenübergabe, bei der heute über fünfzig Teilnehmer gemeinsam ganz oben auf dem Treppchen stehen würden. Dieses Bild fand ich etwas schief, korrigierte dies aber mit einem Gläschen Sekt.
Als die Zeugnisausgabe vollzogen war, strömte die Menge zum Sekt und bedienten sich selber, denn ich lag unter den Tisch. Der Sportlehrer, Dattelmann und zwei Abiturienten trugen mich nach draußen. Mir war ganz schwummrig. Kein Wunder. Bei derart vielen anspruchsvollen Metaphern kann es einen schon mal aus den Latschen hauen.