Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.08.2014

384_Der fetzige Thomas

Es ist schwer zu erklären, aber: Ich bin ein Fan von Thomas Middelhoff. Das ist jener Top-Manager, der vor kurzem aus einem Fenster sprang, weil er keine Lust hatte, sich vor Reportern für seinen Lebensstil und die gegen ihn vor Gericht erhobenen Vorwürfen zu rechtfertigen. Ich glaube, fast niemand mag diesen Mann, aber ich schon. Warum? Da ist erst einmal das Lächeln. Middelhoff sieht aus als könnte er alleine mit diesem Grinsen Kokosnüsse öffnen und den Inhalt in Sekunden zu Flocken raspeln.
Und dann kommt kein längerer Text über eine Begegnung mit Thomas Middelhoff ohne ausführliche Beschreibungen seiner Lebensumstände aus. Egal in welcher Zeitung, immer steht drin, was es beim Interview zu Essen gab und wie es sich in Bielefeld und Südfrankreich so wohnt. Es scheint als ginge es um bei ihm um die komplette Polohemdisierung eines Menschenlebens. Aber das Beste an Middelhoff ist ein Detail, das mir bei jedem Lesen erneut den Atem raubt. Überall stand nämlich, er habe für Gäste seiner Yacht eine Art Agenda erarbeitet. Und auf der Einladung mit einer Übersicht sämtlicher Pflichttermine stand doch tatsächlich für Abends: „Nightlife in fetziger Kleidung.“ Lovit!
Wie hat man sich nun diese fetzige Kleidung vorzustellen? Doch wohl nicht als zerfetzte Kleidung. Die Hosen unten in Fransen, dazu ein flippiges Rüschenhemd und Römersandalen? Eher nicht. Wahrscheinlich handelte es sich bei der fetzigen Kleidung eher um: Jeans. Und ein Sommersakko. Slipper. Ist aber eigentlich egal, alleine die Tatsache, dass jemand wirklich „Nightlife in fetziger Kleidung“ in eine Einladung dichtet, rührt mich zutiefst, denn irgendwie gibt es ja kein größeres Gegensatzpaar als die Begriffe „fetzig“ und „Nightlife“. Wer so etwas in einen Satz formuliert, war vermutlich in seinem ganzen Leben noch nie in einem wie auch immer gearteten Nightlife unterwegs und stellt sich das demnach wie vor? Eben. In fetziger Kleidung. Donnerwetter. Seine Vorstandskollegen haben dann übrigens im Prozess behauptet, sich an „Nightlife in fetziger Kleidung“ gar nicht erinnern zu können. Es sei bei Middelhoff immer bloß gearbeitet worden. Jedenfalls mag ich Middelhoff. Sollte er am Ende ein Schuft sein, ist er wenigstens die Grinsekatze unter den Schuften.
Davon gibt es in Wirtschaft und Politik einige, aber sie sind selten so interessant wie Middelhoff. Christine Haderthauer zum Beispiel. Die Chefin der bayerischen Staatkanzlei ist so durchschnittlich in ihrer Schuftigkeit, dass es wehtut. Zusammen mit ihrem Gatten hat sie Geschäfte mit Modellautos gemacht, die von unterbezahlten psychisch kranken Straftätern gebastelt und vom Ehepaar Haderthauer für viel Geld verkauft wurden. Wobei sich gleich im Anschluss die Frage stellt, wer eigentlich psychisch kränker ist, die Bastler oder die Käufer, die für die zum Teil absurd hässlichen Miniaturautos fünfstellige Summen zahlten. Egal. Wichtig ist hier nur das Mittelmaß der Gemeinheit, mit dem die Haderthauers die Autobauer abspeisten. Daran ist nichts sympathisch, vor allem nicht das Grinsen der Politikerin. Eine von zehn Punkten auf der Carla-Skala, würde ich sagen.
Meine Tochter Carla hat diesen Maßstab erfunden, um ihren Bekanntenkreis zu bewerten. Ihr neuer Vielleicht-Freund Maxim erwarb darauf eine Sieben. Ich fragte sie, warum Maxim nicht die volle Punktzahl erreicht hat und sie sagte: „Kennst Du das? Du hältst jemanden eigentlich für einen richtigen Schuft, aber Du magst es einfach, dass er da ist? Deshalb hat der Maxim eine Sieben.“ Ich verstand sie gut. Mein Maxim heißt Middelhoff.