Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.08.2014

385_Sicheres Gepäck

Wie fast alle Produkte – vielleicht Bananen und Spülschwämme mal ausgenommen – sind auch Koffer einer gewissen modischen und technischen Weiterentwicklung unterworfen. Mein letztes Modell von 2008 hatte noch zwei Rollen und einen ausfahrbaren Griff. Mein neuer Superkoffer hingegen besitzt vier Rollen und zwei ausfahrbare Griffe. Und ein Zahlenschloss, das offenbar vom Geheimdienst eines Schurkenstaates entwickelt wurde. So ein Koffer ermöglicht einen sehr angenehmen sozialen Abwärtsbergleich am Ausgabeband im Flughafen von Rom. Das ist aber eigentlich kein Kunststück, weil immer mehr Zeitgenossen ihr Gepäck vor dem Abflug in Klarsichtfolie wickeln, genau wie der Fernsehserienmörder Dexter Morgan seine Opfer. Diese Verpackung hat den Vorteil, dass austretendes Blut nicht verräterisch auf den Boden tropft, sondern sich in der Folie verteilt. Reisende mit derart foliertem Gepäck transportieren offensichtlich grausige Güter.
Mein neuer Koffer besteht aus weltraumerprobtem Material und der Verkäufer nahm sich viel Zeit, auf den hohen Sicherheitsstandart des Gerätes hinzuweisen. Er nannte das Ding wirklich „Gerät“. Er erläuterte, dass man das Zahlenschloss des Gerätes absolut nicht knacken könne und dass es nur für den Zoll vermittels eines Spezialschlüssels zu öffnen sei. Schließlich müsse der Zoll ja nachsehen können, ob man ein Babykrokodil oder zwei Kilo Salzkaramell oder Crystal Meth dabei hat. Ich war sehr beeindruckt und trug meinen Kauf nach Hause, um ihn schnell zu bepacken, damit wir in den Urlaub konnten.
Während ich meine Klamotten hineinlegte, studierte unser Sohn Nick die Betriebsanleitung des Gerätes und fummelte an dessen Schloss herum. Schließlich klappte ich den Deckel zu und Nick verdrehte die Zahlenrädchen. „Mach ihn bitte noch einmal auf“, sagte ich, weil ich etwas vergessen hatte. „Wie denn?“, fragte er, „Ich weiß doch die Kombination gar nicht.“ „Aber Du hast sie doch eben selber eingestellt“, sagte ich ratlos. Daraufhin erläuterte mir mein Sohn, dass es aus Sicherheitsgründen besser sei, Codes völlig zufällig zu wählen und sie gar nicht im Kopf behalten zu wollen. Auf diese Weise könne man nämlich bei einem Überfall die richtige Kombination niemals preisgeben. Mein Einwand, dass man sich diese Codes aber irgendwo notieren müsse, verhallten ungehört. Nick machte die Rechnung auf, dass jedes der beiden Schlösser durch Probieren aller tausend Kombinationsmöglichkeiten innerhalb von längstens 50 Minuten zu öffnen sei. Dazu kam es aber nicht, denn das Taxi stand bereits vor der Haustür und ich flog mit einem maximal gesicherten Koffer nach Rom, wo er nach bereits nach einer knappen Stunde (neuer Rekord) aufs Band purzelte.
Sara trug ihn zum Zoll. Die Beamten erklärten ihr, dass sie den Koffer nicht zum Vergnügen, sondern nur in einem ernsten Verdachtsfall öffnen könnten, worauf mein Sohn „Kokain, Kokain“ krähte, was die Herren derart erheiterte, dass sie dann doch sehen wollten, was darin sei. Sie klärten uns allerdings darüber auf, dass dieser ominöse Zollschlüssel eine Art moderner Mythos sei und sie jedenfalls noch nie einen solchen besessen, geschweige denn gesehen hätten. Ein erfahrener Kollege löste das Kofferproblem schließlich unter Zuhilfenahme einer Büroklammer. Er hielt sie mir entgegen und sagte, es handele sich dabei um einen globalen Universalschlüssel. Ich habe dann die Kombination beider Schlösser auf „000“ eingestellt. Das kann ich mir merken. Und wenn ich es vergesse, greife ich eben zur Büroklammer. Der Koffer ist wirklich so sicher wie ein Brustbeutel. Aber er sieht toll aus.