Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.08.2014

386_Das Sommerloch-Archiv

Wo ist eigentlich ein Brillen-Kaiman, wenn man einen braucht? So einer wie Sammy, der 1994 im Baggersee baden ging und erst nach sechs Tagen unermüdlicher Berichterstattung wiedergefunden wurde? Gut, speziell Sammy ist längst als sauerste Gurke aller Zeiten in die ewigen Fischgründe eingegangen. Und kurz nach seiner Karriere endete auch die Ära des Sommerlochs. Dank Internet und zuverlässig selbst in der Ferienzeit schwelender Krisen existiert keine nachrichtenlose Zeit mehr – außer man befindet sich selbst im Urlaub und hat kein Internet zur Hand. Dann muss man wie früher bei der Überwindung von augustbedingtem Themenmangel auf seltsame Tiere zurückgreifen. Und siehe da, es gibt Neuigkeiten aus der Fauna zu vermelden, deren Schilderung sogar für zwei Wochen reicht.
Es werden nämlich tatsächlich immer noch neue Tiere entdeckt. Die Großen sind natürlich schon lange bekannt, was auch daran liegt, dass einem ein Gnu oder ein Waran doch recht deutlich ins Auge springt. Neue Tierarten werden folgerichtig immer kleiner und man kann sie auf den ersten Blick durchaus mit einem Krümel oder einer Hautschuppe verwechseln. Die Feen-Zwergwespe (lateinisch: Tinkerbella Nana) misst zum Beispiel nur 250 Mikrometer und wer immer sie entdeckt hat, er wird sich dabei ziemlich angestrengt haben, denn ein Tier von einem Viertelmillimeter Länge ist schnell übersehen und noch schneller bei intensiver Betrachtung eingeatmet. Es ist nicht anzunehmen, dass Tinkerbellas Wespenstiche besonders schmerzen, es sei denn man ist eine Mikrobe namens Tersicoccus Phoenicis. Die ist noch einmal deutlich kleiner und ebenfalls erst kürzlich aufgefallen. Das liegt daran, dass sie in einer Umgebung lebt, die in Immobilienanzeigen vermutlich als besonders ruhige Lage beschrieben würde, nämlich in keimfreien Laboren, so genannten Reinräumen. Das kugelförmige Bakterium ist schwäbischen Ursprungs und legt Wert auf die Einhaltung der Kehrwoche. Es fühlt sich wohl, wenn niemand schmutzt und in sein Labor gelatscht kommt. Aber nun ist es mit der Ruhe vorbei und die Forscher haben ihm den Namen Reinraum-Mikrobe verpasst.
Damit hat sie Glück gehabt, denn speziell in Fragen der Namensgebung sind Wissenschaftler mitunter skrupellos, was die Vertreter einer unschuldigen Hornmilbenart ausbaden müssen, die nach ihrer Erforschung „Darthvaderum“ getauft wurden und damit ein ähnliches Schicksal fristen wie eine Grabwespe namens „Polemistus Chewbacca.“ Immer noch besser als mein Name, wird sich an dieser Stelle die Knoblauchkröte denken, die womöglich mit dem Erckelfrankolin und der Prachtschmerle eine Selbsthilfegruppe gründet.
Ihnen sei damit tröstend beigesprungen, dass sie noch vergleichsweise gut dran sind, denn sie erhielten zwar merkwürdige Namen, aber sie haben wenigstens welche, weil mindestens eine Sprache existiert, in der man sie benennen kann. Das ist nicht überall der Fall. Die Inuit zum Beispiel besitzen nur ein sehr kleines Vokabular, weil es außer Eis und Schnee bei ihnen zuhause nicht sehr viel zu beschreiben gibt. Als vor kurzem die Bibel in ihr arktisches Idiom übersetzt wurde, musste man jedoch ein Wort für den im Polarkreis unbekannten Esel finden, weil Jesus einen solchen als Transportmittel benutzte. Und da wusste man sich nicht besser zu helfen, als von einem „Tier mit langen Ohren“ zu berichten. Diese Beschreibung trifft zu, birgt jedoch das Missverständnis, der Sohn Gottes sei auf einem Kaninchen geritten. Sein wundersame Wirken hat die biologische Forschung um eine sehr schöne Vokabel bereichert, nämlich jener der Lazarus-Art. Der Begriff geht auf jenen Herrn Lazarus zurück, der nach viertägigem Tot von Jesus wieder aufgeweckt wurde und übrigens später als Schutzheiliger der Metzger Karriere machte. Hier und da treffen nun Wissenschaftler auf Lebewesen, von denen man ebenfalls annahm, dass sie längst ausgestorben sind.
Der Quastenflosser ist hier als berühmtester Fall zu nennen. Dieser Fisch lebt tief im Meer, wo es so dunkel ist, dass es aufs Aussehen nicht so ankommt. Man glaubte er sei seit 60 Millionen Jahren ausgestorben, bis sich ein Exemplar im Fangnetz eines Fischerbootes verhedderte und so die Wissenschaft eines Besseren belehrte. Wie der Quastenflosser verdanken viele Lazarus-Arten ihre unauffällige Existenz der Tatsache, dass sie in schwer zugänglichen Gegenden hausen: Auf winzigen Inseln, in Kriegsgebieten oder im tiefsten Dschungel. Dort hüpfte vor einiger Zeit ein Mützenlangur vor die Kamera eines Forschers, der sich darüber sehr wunderte, weil er erstens Leoparden fotografieren wollte und zweitens der kleine Affe als nicht mehr von dieser Welt galt.
Manchmal ist der Lazarus-Status leider nicht von langer Dauer, wie das Schicksal des Worcester-Laufhähnchens zeigt, welches ein Ornithologe zweifelsfrei auf einem Video erkannte. Leider war darauf auch zu sehen, wie das Tier auf einem philippinischen Wochenmarkt zum Zwecke der Zubereitung als Mittagessen verkauft wurde. Ein zweites Exemplar wurde nie mehr gesichtet. An dieser Stelle muss man von einer zweiten Lazarus-Art berichten, die im Frischfleischsortiment eines Marktes in Laos auftauchte. Allerdings gilt die laotische Felsenratte bei den Einwohnern des südostasiatischen Landes keineswegs als ausgestorben, sondern wird gegrillt als Delikatesse sehr geschätzt, während westliche Wissenschaftler davon ausgingen, die Nager seien vor elf Millionen Jahren verstorben.
Ähnliches nahm man auch beim Kurznagelkänguru und dem Elfenbeinspecht an, die jedoch mehr oder weniger fröhlich existieren, obwohl sie das nach Ansicht der Forschung gar nicht sollten. Neben diesen Phänomenen schaffen es auch manchmal Gestalten in die Medien, deren Art zwar bekannt ist, die aber ganz irgendwo anders vermutet werden. Der Pseudoskorpion ist solch ein Geselle. Er sieht tatsächlich aus wie ein richtiger echter Skorpion, misst allerdings kaum einen halben Zentimeter und seine Krallen sind pure Angeberei. Er lebt in Baumrinden und bislang war man der Meinung, er tue dies nicht in Bayern. Nun aber wurde er in Berchtesgaden entdeckt. Leider konnte die Wissenschaftlerin, die ihn dort gefunden hat, nicht klären, ob der Pseudoskorpion dort nur Urlaub machte oder wirklich im dortigen Nationalpark lebt.
Aber auch andernorts in Deutschland sind schon seltene Spezies und sogar Lazarus-Arten gefunden worden. Gerade erst sind Wahlforscher auf eine winzige Population in Sachsen aufmerksam geworden. Allen Erkenntnissen ihres Aussterbens zum Trotz gibt es dort: Drei Freidemokraten. Man sollte sie hegen und gut füttern, denn auch wenn es gerade unwahrscheinlich erscheint: Vielleicht braucht man sie irgendwann noch mal.