Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.09.2014

387_Hinreißend, echt!

Manchmal bekomme ich Leserpost. Die meisten Menschen schreiben allerdings nur dann, wenn man einen Fehler gemacht hat. Neulich habe ich zum Beispiel Kaninchen und Hasen verwechselt. Und selbst wenn in diesen unsicheren Zeiten auf wenig Verlass ist, auf die Hasenlobby trifft dies nicht zu. Ich erhielt gleich mehrfach den Hinweis, dass Jesus Christus, so er denn jemals auf einem Nagetier mit langen Ohren gereist sein sollte, diesen Trip niemals wie von mir behauptet auf einem Kaninchen absolviert haben könne, weil die keine langen Ohren haben, sondern auf einem Hasen.
Jeder Fehler wird postwendend beanstandet und das gibt mir das gute Gefühl, aufmerksam gelesen zu werden. Dennoch ist mir Lob lieber. Und am allerliebsten sind mir Schreiben, die mir attestieren, nicht nur ein sehr guter Autor, sondern zudem ausgesprochen attraktiv und für praktisch jeden Posten der Welt geeignet zu sein. Leider sind solche Briefe selten. Eigentlich habe ich in den vergangenen zehn Jahren nur ein einziges Schreiben dieser Art erhalten. Es begann mit einer Eloge, der zu entnehmen war, dass ich eine Mischung aus Albert Schweitzer, Paul Auster und Brad Pitt bin. Im zweiten Teil des Briefes wurde ich eingeladen, und zwar zum Kauf von drei Tonnen südamerikanischer Damen-Oberbekleidung. Für eine Einlage von 250 000 US-Dollar kündigte man mir eine traumhafte Dividende an, jedenfalls wenn ich ein Zehntel der Summe sofort überwies. Ich habe dann das Lob vom Beginn des Briefes nicht mehr ganz ernst genommen. Es erinnerte mich an Komplimente meiner Tochter bezüglich meiner Frisur, die immer damit enden, dass sie zehn Euro braucht.
Nun naht die Frankfurter Buchmesse und in den Monaten davor werde ich regelmäßig mit Lob sehr verwöhnt, weil man mich gewinnen möchte, und zwar nicht als Autor von Büchern, sondern als Autor von Blurbs. Das sind jene kurzen Bekennertexte auf den Rückseiten von neuen Büchern, in denen jemand zu Werbezwecken etwas möglichst Schmeichelhaftes über das vorliegende Werk sagt. Da stehen dann Zitate wie: „Ein fantastischer Autor, dem wieder einmal Großes gelungen ist“ und dahinter folgt ein Name. Meistens Ulrich Wickert. Ich habe auch schon ein paar Mal solche Zeilen gespendet. Sie waren immer ehrlich gemeint und ich habe mir Mühe gegeben, aber ich weiß nicht, ob deswegen auch nur ein einziges Buch mehr verkauft wurde.
Inzwischen habe ich dazu keine Lust mehr auf Blurbs, denn man muss für diese dürren Sätzchen das komplette Buch wirklich gelesen haben und gerade wenn es von einem Freund stammt, kann das eine quälende Erfahrung sein, zumal wenn der Freund hauptberuflich Steuerberater ist und einen erotischen Erstlingsroman aus dem Finanzbehörden-Milieu geschrieben hat. Ich sage diese Ansinnen inzwischen immer freundlich ab. Einige Verlage sind deswegen dazu übergegangen, mich gar nicht mehr um einen Blurb zu bitten, sondern nur um meinen Namen. Den Blurb schreiben sie sich selber. Oder sie legen mir drei Zitate vor, von denen ich mir eines aussuchen kann. „Ein hinreißender Liebesroman, der mich von der ersten Sekunde an gefesselt hat.“ Oder: „Ich konnte nicht aufhören, es zu lesen.“ Oder schlicht „Ich bin nicht ergriffen. Ich bin einfach nur neidisch.“ Da mache ich aber erst Recht nicht mit. Ich lobe nur, was ich auch gelesen habe. Und damit basta.
Was ich mir jedoch vorstellen könnte: Ich schreibe den Verlagen gegen Honorar Blurbs anstelle von Prominenten, die keine Zeit haben oder nicht lesen oder nicht schreiben können. Zum Beispiel für das neue Nachschlagewerk: „1000 gute Ideen für die Grabsteingestaltung.“ Und hintendrauf steht dann: „Dieses Buch ist fast so geistreich und spritzig wie ich. Ihr Cherno Jobatey.“ Oder für den großen Ratgeber: „Wie baue ich ein schönes Modellauto.“ Auf der Rückseite könnte ich folgenden Blurb anbieten: „Wenn ich dieses Buch früher gelesen hätte, wäre mir viel Ärger erspart geblieben. Christine Haderthauer.“ Oder, letzter Vorschlag für heute, der Blurb für das neue Kochbuch von Alfons Schuhbeck: „Dieses Buch hat wunderbar geschmeckt, herzlich, Ihr Krümelmonster.“