Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.09.2014

389_Speedquatsch

Sehr seltsam finde ich alle Produkte, mit denen man Zeit sparen kann. Zum Beispiel gab es mal Nudeln, die mit dem bestürzenden Alleinstellungsmerkmal beworben wurden, fünf Minuten schneller weich zu sein als herkömmliche Nudeln. Das bedeutet, dass man früher am Tisch sitzt, genau so lange fürs Essen braucht wie sonst und anschließend plötzlich fünf Minuten Zeit hat, von denen man nicht weiß, wo die plötzlich herkommen. Das ist das Hauptproblem an der Zeitersparnis. Was fängt man damit bloß an? Man kann ja kein Zeitkonto anlegen und das Ersparte irgendwann abheben und verjuxen. Das geht nur bei der Umstellung auf Winterzeit und selbst die ist eine Mogelpackung, weil einem die Stunde ein halbes Jahr später wieder abgezogen wird. Zeit sparen bringt also nichts und es gibt darauf auch keine Zinsen.
Dasselbe Problem ergibt sich beim so genannten speed reading. Neue Techniken machen es möglich, Texte bis zu zehn Mal schneller als gewöhnlich zu lesen. Normalerweise verliert man dabei viel Zeit, in der die Augen sich gemächlich von links nach rechts in einer Zeile bewegen. Ist diese zu Ende, fährt die Pupille wieder zurück und folgt der nächsten Zeile. Bei manchen Menschen geht das sehr schnell, bei anderen nicht so. Ich zum Beispiel brauche für ein gutes Buch durchschnittlich ein halbes Jahr, besonders wenn ich es im Bett lese. Meine Augen bewegen sich dort nämlich sehr langsam und klappen außerdem immer zu.
Liest man ein Buch mit einer Speed Reading App, die es bereits für Smart-Phones gibt, bewegt sich die Pupille praktisch gar nicht mehr. Der zu lesende Text blinkt Wort für Wort ganz kurz vor dem Auge auf und auf diese Weise ist es möglich, dass man 800 Wörter oder mehr pro Minute lesen kann. Die Macher dieser Apps werben damit, dass man für ein tausend Seiten dickes Buch nur noch zehn Stunden Lesezeit benötigt. Wenn man bedenkt, dass ich für die Lektüre des „Distelfinks“ bisher etwa vier Jahre eingeplant habe, ist das natürlich ein sehr verlockendes Angebot. Ich spare viele Monate Lebenszeit, in denen ich wahrscheinlich mit dem „Distelfink“ auf dem Gesicht geschlafen hätte.
Andererseits muss man konstatieren, dass die Lektüre per Speed Reading ungefähr so genussvoll ist, wie wenn man gleichzeitig einen Engergydrink und einen doppelten Espresso trinkt und dabei die ganze Zeit an einen elektrischen Weidezaun fasst. Bei dem Wort- Gezappel und –Geflimmer vor den Augen muss man unheimlich aufpassen, dass man nichts versäumt. Einmal kurz geblinzelt, um die Augen feucht zu halten, und schon ist ein Satz ungelesen vorbeigerattert. Und zurückblättern, um eine Stelle noch einmal zu vertiefen geht auch nicht. Was weg ist, ist weg. Mag sein, dass man auf diese Art sehr schnell sehr viel lesen kann, aber Freude macht es nicht. Mir jedenfalls nicht. Ich fühle mich dabei eher unter ständigem Leistungsdruck. Und das auch deswegen, weil ich wie gesagt nicht weiß, was ich mit der beim Lesen gesparten Zeit machen soll? Noch mehr noch schneller lesen? Effizient sein? Ich weiß nicht, ich glaube ich lebe lieber ineffizient und unoptimiert. Auch dafür gibt es zahlreiche Apps.
Mit der neuen Apple-Watch kann man seine Schritte zählen, den Herzschlag kontrollieren und den täglichen Kalorienverbrauch errechnen. Die Uhr kann auch telefonieren, Nachrichten verschicken und weil sie so ein kleines Display hat, eignet sie sich hervorragend fürs Speed Reading. Die mit dieser Uhr gesparte Zeit verbringt man mit weiteren Apps, die sich in ihrem Gehäuse verbergen. Oder mit der Anschaffung von irgendwelchem Zeug, dass man online mit der Uhr bestellen kann. Oder mit den tausenden von Nachrichten, die täglich aus irgendwelchen Quellen aufpoppen. Das ist das Verrückte: Einerseits sollen wir dauernd Zeit sparen und diese aber andererseits mit total unnützem Kram wieder vertrödeln. Ich glaube, ich mache diesmal nicht mit. Ich schlafe schön mit dem Distelfink auf dem Kopf ein und Nudeln brauchen bei mir zwölf Minuten, in denen ich aus dem Fenster gucke. Ich liebe es, diese Zeit für mich ganz alleine zu haben. Ohne Speed. Ohne Uhr. Die Apple-Watch ist für mich Scheiße auf Rollschuhen.