Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.09.2014

390_Der Katzenjob

Es ist ja gar nicht so, dass ich Katzen grundsätzlich hasse. Ich kann sie bloß nicht ausstehen. Ich finde das okay. Es gibt auch Menschen, die keine Hunde mögen, keine Adligen oder kein Roast Beef. Und ich bin eben kein großer Katzenfreund, was nicht nur an den Katzen liegt, sondern auch an den Katzenhaltern, die sich von ihren Haustieren dominieren lassen und darauf auch noch stolz sind. Außerdem verschandeln Katzen die Wohnung und das Internet. Das muss man doch mal sagen dürfen.
Merkwürdig ist jedoch, dass meine Ablehnung von den Katzen nicht erwidert wird. Wenn ich in einen Katzenhaushalt komme, dauert es höchstens eine Minute und schwupps – sitzt so ein Biest auf meinem Schoß, schnurrt und schmiegt sich an mich. Weil es sich gegenüber den Gastgebern nicht gut macht, die Katze durch den Raum zu schleudern, fange ich reflexhaft an, sie zu kraulen. Jedes Mal höre ich dann den Satz: „Sie ist eigentlich sehr wählerisch, aber Dich mag sie.“ Das ist seltsam, weil ich mich wirklich nicht darum bemühe.
Nachbar Dattelmann ist mein Talent zur Katzenfreundschaft auch schon aufgefallen. Deshalb bat er mich darum, zwei Wochen lang „Marlene“ zu füttern. Er nenne sie so, weil sie eine richtige Diva sei. Früher hatten die Dattelmanns auch noch einen Kater, der hieß „Dietrich“. Marlene und Dietrich. Aber Dietrich ist von einem Auto überfahren worden. Ich war’s nicht. Wirklich nicht. Egal. Dattelmann bat jedenfalls darum, Marlene einmal am Tag mit einer halben Dose Nassfutter zu verwöhnen. Sieben Dosen stünden in der Küche. Es sei wirklich einfach: Dose auf, halbe Portion in den Napf, dann kurz im Garten nach Marlene rufen und das Futter abstellen. Sie komme dann schon.
Ich traute mich nicht, Dattelmann diesen Gefallen abzuschlagen, denn er ist der Chef der Schulpflegschaft und wenn man nicht folgt, muss man zur Strafe am Samstag hinter den Heizkörpern in der Klasse Kaugummi und Pausenbrote hervorkratzen. Also sagte ich zu, die Dattelmanns reisten nach Spanien und ich übertrug den Fütterungsjob meinem Sohn. Ich versprach Nick zehn Euro, die er im Voraus kassierte.
Als ich ihn am fünften Tag fragte, was eigentlich Marlene so mache, schlug er sich die Hand auf den Kopf und rief: „Mist! Die habe ich völlig vergessen.“ Er weigerte sich, nachzusehen, denn es konnte ja sein, dass die Katze mit ihren Krallen „Nick war’s“ in den Holzboden gekratzt hatte und verhungert im Flur lag. Aber sie war gar nicht zuhause. Ich öffnete eine Dose, leerte sie zur Hälfte in den Napf und trug diesen ordnungsgemäß auf die Terrasse. Ich rief „Marleeeene“ und ging nach Hause. Am nächsten Tag stand der Napf unberührt dort, wo ich ihn abgestellt hatte. Ich dachte nach. Wenn ich das Futter einfach dort ließ, würde Dattelmann bei seiner Rückkehr genau sehen, dass ich keine sieben Dosen verbraucht und demnach seine Diva nicht auftragsgemäß versorgt hatte. Also öffnete ich zwei weitere Dosen und schüttete ihren Inhalt in eine Plastiktüte. Die leeren Büchsen stellte ich in den Ausguss, wechselte das Futter im Napf und brachte ihn nach draußen. Ich rief zwei Mal Marlene und einmal „komm endlich her, du blöde Kuh.“ Dann ging ich wieder.
Nach zwei Wochen hatte ich das Katzenfutter verbraucht, die sieben Dosen standen in der Küche, Marlene war nicht aufgetaucht und ich nahm die volle Plastiktüte mit dem stinkenden Katzenfutter und entsorgte es taktisch klug nicht in Dattelmanns Mülltonne, sondern in der von seinen Nachbarn, der Familie Kluge.
Am nächsten Tag ging ich zu Dattelmann, um ihn zu fragen, wie der Urlaub gewesen sei. Dabei wollte ich in Wahrheit nur wissen, ob Marlene wieder aufgetaucht war. Dattelmann erzählte von Spanien, bedankte sich fürs Füttern, und wies mich darauf hin, dass Marlene ganz schön zugenommen habe. „Du hast ihr doch hoffentlich keine Süßigkeiten gegeben?“, fragte er inquisitorisch. Ich verneinte glaubwürdig. Da hörten wir Nachbar Kluge schreien. Er stand vor seiner geöffneten Mülltonne und brüllte: „Was ist denn das für eine Schweinerei? Ist das etwa Katzenfutter? Das ist ja widerlich.“ Ich verabschiedete mich schleunigst und rechne nicht damit, in Zukunft noch einmal engagiert zu werden. Aber eine Frage beschäftigt mich nun doch: Wo hat Marlene bloß zwei Wochen lang gesteckt?