Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.10.2014

391_Es ist Krieg

Kürzlich las ich, dass wir Deutschen uns längst mitten im dritten Weltkrieg befänden, dies aber im Gegensatz zu den meisten anderen Erdbewohnern noch nicht bemerkt hätten. Das kann ich nur bestätigen, für mich trifft das absolut zu. Ich habe auch überhaupt keine Zeit für Weltkrieg, weil ich mich schon im Kleinkrieg befinde, und zwar mit der deutschen Dienstleistungsgesellschaft. Deren Vertreter machen es mir immer schwerer, als zufriedener Kunde einen Laden zu verlassen. Dabei bietet das miteinander von Kunde und Verkäufer doch eigentlich eine schöne Gelegenheit, seine guten Manieren und seinen Geschäftssinn zu erproben. Aber dazu haben viele Deutsche einfach keine Lust.
Letzte Woche betrat ich zum Beispiel in Mannheim ein großes Geschäft beim Bahnhof und wollte ein Netzkabel für meinen Rasierer kaufen. Wir waren vorher länger in Italien und ich dachte daran, wie man so etwas in Marsciano erledigt: Man geht in den Laden und sagt, dass man sein Kabel verloren habe. Der Verkäufer wird einem daraufhin das Kabel aus dem Karton vom Ausstellungsstück geben. Dann bestellt er das Teil nach und sobald es da ist, legt er es in den Karton. Alle sind zufrieden. Die würden das nie anders machen.
Die Verkäuferin in Mannheim sagte, man könne es nachbestellen, das koste vierzig Euro und dauere drei Tage. Ich fragte, ob sie mir vielleicht einfach das Kabel vom Ausstellungsstück verkaufen und es dann nachbestellen könne. Sie verneinte, aber ich könne gerne einen neuen Rasierer kaufen, da sei ein Kabel dabei. Ich wiederholte meine Bitte und sie sagte, ich könne gerne einen neuen Rasierer kaufen, da sei ein Kabel dabei. Nur zum Spaß fragte ich noch ein drittes Mal und sie antwortete tonlos, ich könne gerne einen neuen Rasierer kaufen, da sei ein Kabel dabei. Es war ein Elektrofachgeschäft. Vielleicht arbeiten dort Roboter. Und ihre Batterie war fast alle. Da kann man nur noch sagen, dass man einen neuen Rasierer kaufen könne und dass ein Kabel dabei sei. Ich habe das Kabel dann im Internet für 11,95 bestellt. Tut mir leid, Fachhandel, ich wollte das nicht, aber Du wolltest mich ja auch nicht.
Wer mich auch häufig nicht will, sind Taxis. Ständig werde ich von Fahrern angemault. Meistens sind ihnen die Strecken zu kurz. Ich reise viel mit der Bahn und muss am Ende immer vom Bahnhof zum Hotel. Das ist oft nicht weit. Drei Kilometer, auch mal vier. Zum Laufen ist mir das zu weit, aber ich habe stets Schuldgefühle, weil ich meinen Koffer nicht eine halbe Stunde bei Regen über das Kopfsteinpflaster deutscher Provinzstädte zerre, sondern mich ins trockene Taxi setze. Die Fahrer verdrehen dann häufig die Augen, weil sie insgeheim möchten, dass man zum Flughafen von Hannover gebracht werden will, und zwar unabhängig davon, ob man in Großburgwedel oder Garmisch ins Taxi steigt. Ich habe mehrfach den Satz gehört, für die Minifahrt habe man nun eine Stunde in der Schlange gestanden. Und was ich auch gehört habe, sind Beschwerden darüber, dass ich das Trinkgeld mit auf die Quittung schreiben lasse. Man fragt sich, was mit den Leuten los ist. Ich habe es bisher nicht ausprobiert, aber vielleicht möchte ich mal einen Uber-Fahrer buchen. Die haben keinen Personenbeförderungsschein und ihre Autos sind nicht beige. Aber vielleicht muss man sich bei ihnen nicht für Trinkgelder und Kurzfahrten rechtfertigen. Das würde mir das Leben sehr erleichtern.
Abzuraten ist übrigens auch von einem Besuch der Restaurant-Kette Vapiano, weil man dort als Gast behandelt wird, wie Papillon bei der Essensausgabe im Straflager. Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, im Hotel zu fragen, ob die Rühreier frisch oder aus Pulver hergestellt werden, was in der Regel der Fall ist, wenn zehn Kilo Rührei in einem Zinksarg beim Frühstücksbuffet auf den arglosen Gast lauern. Die Antwort lautet fast immer: Bei uns ist alles frisch. Und sie wird nur dann revidiert, wenn man behauptet als Allergiker nach dem Genuss von Eipulver zwanzig Minuten lang im Speisesaal zu zucken wie ein Zitteraal.
Bei diesen Erfahrungen wundert es einen doch überhaupt nicht, dass nicht einmal die Transall-Maschinen und die Hubschrauber der Bundeswehr fliegen, weil ihre Wartung zu wünschen übrig lässt. So ist ein Weltkrieg natürlich nicht zu gewinnen.