Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.10.2014

392_Olivers Rache

Früher hätte man einfach „Langweiler“ gesagt, heute heißen dieselben Typen „Digital Natives“. Das sind die Leute, die sich vorwiegend im Internet aufhalten und dort den anderen Menschen mittteilen, dass deren Gewohnheiten und Vorlieben nichts mehr wert seien, weil ein neues Zeitalter heraufziehe, nämlich jenes der digitalen Eingeborenen. Die werden immer jünger. Im Kino saß ich jetzt neben lauter hochgradig equippten Teenagern. Sie verschickten während des Films unablässig über ihre Handys Nachrichten und googelten nach Fotos von Elias M’Barek, sobald dieser auf der Leinwand zu sehen war. Es gab „Who Am I“.
In diesem Film geht es um Menschen, die vorwiegend am Rechner sitzen und deshalb ist einer von ihnen ganz schüchtern und einer ziemlich dick. Isolation und Bewegungsmangel halt. Es vergeht in diesem Film keine Minute, in der man nicht darauf hingewiesen wird, wie ungeheuerlich besonders diese Computer-Nerds doch sind. Ich fand jedoch nur den einen noch öder als den anderen. Aber Nick hat der Film gefallen, besonders der Moment, wo Wotan Wilke Möhring über die anderen Langweiler sagt, sie seien wie Windows, sie bräuchten nämlich ziemlich lange, um hochzufahren.
Als ich zwölf war, mochte ich Terence Hill und es ist für analoge Menschen wie mich kaum zu verstehen, dass Nick und seine Kumpels genau die Leute cool finden, denen bei uns früher auf dem Schulhof immer die Ohren langgezogen wurden. Die hießen immer Oliver und ihre Mützen landeten auf Laternenmasten. Aus diesen Olivern sind dann Digital Natives geworden und sie bestimmen über unser Leben. Jedenfalls würden sie es gerne.
Einige von ihnen arbeiten bei Amazon und haben dort jetzt eine Bücher-Flatrate programmiert. Man zahlt als Kunde einen geringen monatlichen Betrag und darf dafür E-Books lesen so viel man will. Das gibt es auch für Filme und Musik. Die Digital Natives mögen an Flatrates, dass in Zukunft nur noch Erfolg hat, was von Vielen gemocht wird. Sie sagen, dies sei fair im Gegensatz zur bisherigen Enttäuschung, wenn man ein ganzes Buch oder eine ganze CD bezahlt, aber nur die Hälfte mit Freude gelesen oder gehört habe. So’n Quatsch. Ich finde, es braucht immer auch das nicht-so-Gute, das vielleicht-später-mal-Gute, das Übersehene, das nicht-zuende-Gelesene. Das Überblätterte. Und es geht niemanden etwas an, warum etwas nicht zu Ende gelesen wurde. Nicht einmal den Autor.
In einem anderen Portal kann man ebenfalls so viele E-Books lesen wie man möchte, außerdem kommt man in den Genuss von Randbemerkungen anderer Leser. Ein Alptraum. Dann erfährt man, dass Erna Klawuppke aus Holzminden einen speziellen Absatz gerade doof fand oder ihr dazu ein Gedicht von ihrem Opa einfällt. Das Buch merkt sich, wie schnell ich es gelesen habe, wo ich ausgestiegen bin, welche Stelle ich zwei Mal angeguckt habe, welche Fremdwörter ich nachgeschlagen und ob ich Erna Klawuppke aus Holzminden gegoogelt habe. Welch quälender Gedanke, dass Bücher auf ihre Optimierungspotenziale hin ausgewertet werden können. Das ist keine schöne Perspektive für Schriftsteller.
Frank Schirrmacher hat einmal darauf hingewiesen, dass eine Zeitung aus Papier der letzte Ort sei, wo das Nutzungsverhalten eines Lesers nicht automatisch ausgewertet und beurteilt wird. Wobei die Absichten dahinter bisher noch nicht ehrenrührig sind. Man möchte ja bloß wissen, was den Kunden besonders gefällt, damit man sie ständig mit neuen Reizen derselben Art penetrieren kann wie Stiere in der Besamungsstation. Die Flatrate-Programmierer von Amazon und Co sind sozusagen die Sackschaukler des Internets. So nennt man die nah am Tier arbeitenden Zuchttechniker in der bayerischen Landwirtschaft.
Wie auch immer. Wahrscheinlich hätte ich damals in der Schule einfach netter zu den käsigen Typen aus dem Informatikkurs sein sollen. Ich hätte 1982 Olivers Fahrrad nicht in die Buche hinter der Turnhalle hängen dürfen. All die Olivers von damals rächen sich jetzt, indem sie uns ihre Algorithmen aufzwingen. Ist es zu spät für eine Entschuldigung? Oliver? Du, da draußen im Internet? Zu spät? Verstehe. Mist. Wir haben Grund zur Sorge. Die Olivers schicken sich an, die Weltherrschaft zu übernehmen.