Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.10.2014

393_Mehr Specht als Recht

Es gab neulich einen Tag, da hatte ich nichts zu tun. Das ist für mich schwer auszuhalten, weil mir nie einfällt, was ich mit meiner freien Zeit anfangen könnte. Ich hätte gerne jemanden, der mir in solchen Fällen Befehle erteilt, aber Sara ist tagsüber arbeiten. Die Glückliche. Also war ich aufgeschmissen. Da man nicht ununterbrochen lesen oder etwas im Internet bestellen kann, legte ich mich auf die Couch und grämte mich, als müsste ich aus einer zwölfseitigen Speisekarte ein Hauptgericht auswählen. Das macht mich auch jedes Mal sauer.
Dann dachte ich über neue Geschäftsideen nach. Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich eine Dönerduftkerze entwickelte? Der Döner ist das meistverkaufte Imbissgericht und ich könnte mir vorstellen, dass die Leute gerne mögen, wenn es zuhause nach ihrem Lieblingsessen duftet. In diesem Zusammenhang fiel mir ein Satz ein, den ich neulich in einer Dönerbude in Frankfurt gehört habe, als ich mich nach dem Besuch der Buchmesse mit einem möglichst bildungsfernen Gericht stärken wollte. Ich stand jedenfalls am Tresen und schnappte folgende Sentenz aus dem Mund einer Döner mampfenden Jugendlichen auf: „Michelle Obama kümmert sisch nur um Kinder un Blumen unso.“ Leider bekam ich nicht mit, in welchem Zusammenhang das Mädchen das sagte. Aber vielleicht unterhielt es sich mit seiner Freundin über berufliche Perspektiven und sie erörterten die Job Description einer First Lady.
Mitten in diese Überlegung klopfte es plötzlich, und zwar ziemlich energisch. Mein Sohn konnte es nicht sein. Er klopft nie, er klingelt Sturm. Es klopfte noch einmal und ich stand auf, um nachzusehen. Vor der Tür stand aber niemand und die Klingel funktionierte. Ich legte mich wieder hin.
Tacktacktacktack, es klopfte abermals, sehr schnell und fordernd. Diesmal öffnete ich das Fenster und sah hinaus. Links neben dem Fenster saß ein Specht und zerspante mit seinem Schnabel mein Haus. Als er mich bemerkte, hörte er auf und drehte seinen Kopf zu mir. „He, Du blöder Sack, hör sofort auf, mein Haus kaputt zu machen“, sagte ich. Der Specht sah mich an, dann das Haus, dann flog er weg und setzte sich auf einen nahen Baum. Ich schloss das Fenster und legte mich wieder hin.
Specht ist auch ein ziemlich blöder Beruf. Gut. Man kann fliegen, das ist schön. Aber man vertrödelt viel Zeit mit diesem nervtötenden Geklopfe an anderer Leute Bude. Ein Buntspecht kann bis zu zwanzig Mal in einer Sekunde seinen Schnabel gegen einen Baum rammen. Das ist beeindruckend, aber er riskiert ständig Ärger wegen der Ruhestörung. Außerdem gelten Spechte innerhalb der Tierwelt als ziemlich unterkomplex. Dauernd werden sie von Amseln und Eichelhähern gehänselt, weil sie sich praktisch nichts merken können und den Schiedsrichter beim Fußballspielen ständig fragen, ob sie sich gerade im WM-Finale befinden.
Tacktacktacktack. Ich stand wieder auf, öffnete das Fenster und der Specht hielt inne und guckte mich an. Ich erklärte ihm freundlich, dass mein Haus zwar aus Holz sei, aber sich hinter der Fassade keine Käfer und Larven befänden. Ich bot ihm ersatzweise einen Keks an, aber der blöde Vogel kapierte rein gar nichts. Die Amseln und Eichelhäher haben Recht, Spechte sind wirklich zu blöd. So ging es, bis es dunkel wurde. Dann hatte der Specht Feierabend und ich immerhin doch den halben Tag etwas zu tun gehabt.
Der Buntspecht kam nach Hause und hängte seine Fackelmann-Mütze an den Haken. Seine Frau fragte, wie es bei der Arbeit gewesen sei. Der Specht sank in seinen Fernsehsessel, öffnete mit dem Schnabel ein Bier und sagte: „Mein Gott, habe ich Kopfschmerzen. Warum habe ich nicht was Ordentliches gelernt? Ich könnte Parkettleger sein. Und was mache ich: Klopfe zwölftausend Mal am Tag meine Birne gegen ein Stück Holz. Ich muss ja behämmert sein. Und wofür? Nicht einen blöden Käfer habe ich aus diesem Haus gemeißelt. Ich glaube, ich suche mir einen anderen Job.“ Die Spechtfrau bringt das Essen und sagt: „Du könntest ja First Lady werden. Die Michelle Obama muss niemals hämmern. Die kümmert sisch nur um Kinder un Blumen unso.“