Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.10.2014

394_Ein Hilferuf

Es kommt nicht oft vor, dass man von einem Pubertier um Hilfe gebeten wird. Technisch ist das sowieso vorbei. Ich kann keinem Sechzehnjährigen mehr etwas am Computer beibringen. Ich wäre noch leicht dazu in der Lage, einem liegen gebliebenen Geschöpf beim Flicken eines platten Vorderreifens zu helfen. Ich weiß noch genau wie das geht. Aber die Menschen um meine Tochter herum haben kein Flickzeug mehr dabei, nicht einmal eine Luftpumpe. Entweder, sie haben nie eine Panne. Oder sie erzwingen sofort die Anschaffung eines neuen Fahrrades. Jedenfalls bin ich als Problemlöser nicht mehr sehr gefragt.
Deshalb wunderte ich mich neulich über Moritz Anruf. Ich bin gut abgerichtet und sagte roboterhaft: „Ja, einen Moment bitte, die gnädige Frau weilt in ihren Gemächern,“ um das Telefon in das Zimmer unserer Tochter zu apportieren, in der Art wie ein willfähriger Hund einen Gummiknochen sabbernd bei seinem Herrchen abliefert. Gut, ich sabbere dabei nicht, aber sonst ist es ganz ähnlich. Aber Moritz wollte gar nicht mit ihr sprechen. Sondern mit mir.
Er klagte, dass er nicht wisse, woran er bei Carla sei. Sie sei so abwesend, so kühl, irgendwie anders und das schon seit einiger Zeit. Ob mir das aufgefallen sei. Ich antwortete, dass ich diese Erfahrung schon seit Jahren mache, man könne aber mit kleinen Geschenken gegensteuern. Das habe er bereits versucht, sagte Moritz. Aber irgendwie sei der Wurm drin. Ob ich mitbekommen hätte, dass ein anderer Junge bei ihr am Start sei. Ich verneinte wahrheitsgemäß und nahm mir vor, jeden der zukünftig unser Haus enternden Aknepiraten sofort mit dämlichen Scherzen und übergriffiger Kumpelei unter Feuer zu nehmen. Ich mag Moritz lieber, ganz egal wer da kommt. Er fragte, was er denn jetzt unternehmen solle.
Ich riet ihm, so zu tun als sei gar nichts. Er solle besonders lustig, kein bisschen bedrückt und einfach so sein, wie er war, als sie sich verliebt haben. Damit mache er es ihr am schwersten. Während wir sprachen, kam Carla die Treppe hinunter. Ich sagte: „Nein Mama, ich weiß nicht, ob Matthew noch mal nach Downton Abbey zurückkehrt, denn er ist ja bei einem Autounfall gestorben und Downton ist nicht Dallas.“ Dann legte ich auf. Moritz hat sich wahrscheinlich sehr gewundert, aber wir sind nicht aufgeflogen.
Carla setzte sich an den Küchentisch und blies Trübsal. Ich fragte, was los sei und sie gestand, dass es mit ihren Gefühlen gegenüber Moritz irgendwie ein Problem gebe. Dazu der Herbst. Die Zeitumstellung. Ihr sei nicht mehr sommerlich und mit Moritz sei es auch nicht mehr sommerlich. Was sie denn jetzt tun solle. Ich bat sie darum, wenn es sein müsse, sehr gefühlvoll mit Moritz Schluss zu machen. Nicht per WhatsApp oder SMS, auch nicht am Telefon oder über Facebook, sondern persönlich. Soviel Mumm müsse man haben.
Ich erinnerte mich daran, dass sämtliche Beziehungen, die ich zwischen meinem sechzehnten und zwanzigsten Lebensjahr unterhalten habe, von den Mädchen beendet wurden und dass jedes Mal dieser Alptraumsatz fiel. Dann legten die Mädchen eine Hand auf mein Knie, sahen mich lächelnd an und sagten: „Wir können doch einfach so Freunde bleiben.“ Und das, liebe junge Damen, ist wirklich das Allerletzte, was ein Junge in so einem Moment hören will. Es entwertet die ganze Beziehung mit allem, was war. Es ist traumatisch. Bitte sagt das nicht. Ich bat Carla, auf diesen schrecklichen Satz zu verzichten und sie nickte.
Noch am selben Abend vollzog sich die Trennung in einer Art Kündigungsgespräch in Carlas Zimmer. Das ganze Haus vibrierte von der negativen, von der tieftraurigen Energie des Verlassens und Verlassenwerdens. Es war furchtbar. Ich saß im Wohnzimmer und fühlte mit meinem Freund Moritz.
Schließlich kam er die Treppe hinunter, ich hörte, wie er den Reißverschluss seiner Jacke zuzog. Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich lief zu ihm, als er an der Tür war und fragte, wie es gelaufen sei. Er sagte: „Schlechter als schlecht. Sie hat sich voll hart getrennt. Sie hat noch nicht einmal gesagt, dass wir Freunde bleiben können.“ Damit verließ er unser Haus. Das ist jetzt fast drei Wochen her. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. Ich muss irgendetwas unternehmen. Er fehlt mir so. Ich bin so ein Idiot.