Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.11.2014

395_Sankt Marketing

Was man ja in diesen Zeiten praktisch gar nicht mehr bekommt, ist eine anständige Kartoffelsuppe. Mit Würstchen drin. Oder eine Linsensuppe. Oder Erbsensuppe. Diese herrlichen Zeugnisse bodenständiger Kochkunst wurden allesamt abgeschafft, und zwar zugunsten von dreitausend hochgradig modischen Varianten der zutiefst überflüssigen Kürbissuppe. Es gibt Kürbis-Ingwer-Suppe und Kürbis-Karottensuppe oder Kürbissuppe mit Kokosmilch. Oder mit Currypaste oder mit Birne und Lachs. Man fühlt sich schon wie Forrest Gump im gleichnamigen Film. Forrest Gump verbringt darin weite Teile des Vietnamkrieges damit, sich die vielfältigen Zubereitungsmethoden für Shrimps anzuhören, die sein Freund Bubba aufzählt, während die beiden ihren Militärdienst verrichten.
Mir geht es ähnlich wie Forrest. Ab Mitte Oktober Kürbis, nichts als Kürbis und zwar auch als Kuchen und Muffin, als Beilage oder Deko, geröstet oder gebraten, püriert oder mit Kastanien. Vor jedem Ortseingang Deutschlands liegen diese Dinger in allen möglichen Größen herum und anschließend in sämtlichen deutschen Haushalten. Und wer ist schuld an der Kürbisflut? Das dämliche Halloween, also im Prinzip der Amerikaner.
Bis vor zwanzig Jahren interessierte sich kein Mensch dafür und folgerichtig auch nicht für Kürbisse. Die ungefähr fünf in Deutschland angebauten Exemplare endeten als glitschige Häppchen in Salzlake und wurden von aufgeregten Damen beim Derrick-gucken verspeist. Doch dann schwappte Halloween auf Europa über, was als eine Art Heimkehr zu verstehen ist, weil das Fest aus Irland stammt und von den Iren nach Amerika eingeschleppt wurde. Nun ist es wieder zurück in Europa – und geht mir auf den Wecker. Man könnte argumentieren, dass es den Kindern Freude macht und dass man sich gruselig verkleiden darf, was wir Deutsche traditionell gerne machen. Es gab mal eine Zeit, da trugen viele Deutsche mit Begeisterung furchterregende Uniformen, sogar ganzjährig und nicht bloß am 31. Oktober.
Egal. Halloween kommt mir jedenfalls immer vor, als spielten die Kinder amerikanische TV-Serien nach. Es hat so überhaupt nichts mit uns zu tun, es wirkt so aufgepfropft. Außerdem haben wir bereits ein Herbstfest, bei dem man von Haus zu Haus zieht und Süßigkeiten bekommt. Es heißt Sankt Martin, stinkt jedoch zugegebenermaßen Event-technisch gegen Halloween erbarmungslos ab. Halloween punktet als hochgradig aufgebrezelter Kostümspaß, bei dem man auch mal seine böse Seite zeigen und Streiche spielen darf. Der Kürbis gibt zudem eine spektakuläre Laterne ab und insgesamt erscheint Halloween selbst mir irgendwie moderner.
Dagegen wirkt der olle Sankt Martin samt Pferd und Mantel und Bettler, als würde alljährlich Willy Millowitsch aus dem Grab steigen und eine Kanzelpredigt halten. Sexy ist was Anderes, besonders wenn man die Bastelfron hinzurechnet, der Millionen von Familien vorher ausgesetzt sind. Und das alles bloß, um mit einer Leuchte am Stecken herum zu laufen, die sich nach hundert Metern wegen eines fatalen Konstruktionsfehlers von selber entzündet, worauf der Vater in Tränen ausbricht, weil er vier Stunden an dem Ding herum geleimt hat.
Ja, das sind schlechte Voraussetzungen für einen Sieg über das hippe Halloween. Um das invasive Amifest zurückzudrängen, bedarf es daher einer konsequenten Verjüngung von Sankt Martin. Ich schlage folgende Maßnahmen vor: Sankt Martin wird in Santa Martina umbenannt. Sie fuchtelt mit einem Laserschwert herum und kann auch Stangentanz, notfalls auf dem Pferd. Sie überlässt dem Bettler den ganzen Mantel, hat darunter nicht mehr viel an, außer mit Zehn-Euro-Scheinen gespickte Unterwäsche. Alle Väter dürfen eine Banknote ziehen und davon Getränke kaufen. Dafür werden in allen Gemeinden Deutschlands Freiluftbars genehmigt. Und zum Martinsfeuer gibt es anstelle der modrigen Blaskapellen Mucke von Dj Ötzi. Die Kinder ziehen von Haus zu Haus und wer ihnen nichts gibt, muss ein Kleidungsstück ablegen. Kleiner Kompromiss von meiner Seite: Am Ende gibt es für alle Santa-Martina-Freunde ein Tellerchen Kürbis-Curry-Mango-Suppe aus der Gulaschkanone. Es ist ja um diese Jahreszeit manchmal doch schon sehr frisch.