Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.11.2014

396_Schlau wie Opa

Nick kam nach Hause und wedelte mit einem Blatt Papier. Er verkündete, dass er wahnsinnig schlau sei. Ich betrachtete das Blatt und musste ihm Recht geben. Es handelte sich nämlich um einen IQ-Test und er hat gut abgeschnitten. Keine Angst, ich werde Sie nicht mit Zahlen quälen, denn ich finde es ganz entsetzlich, wenn Eltern mit den Intelligenzquotienten ihrer Kinder angeben. Außerdem sind diese Befunde immer gelogen. Wenn sie stimmen würden, müssten wir uns keine Sorgen um die Zukunft machen, denn diese wäre in der Hand von rundum entzückenden Superhirnen. Wer sagt auch schon freiwillig: „Unser Sohn ist ein bisschen doof, aber ein ganz Netter.“ Also werden die Zahlen immer geschönt. Ich finde, nachdem die Kinder beim Intelligenztest waren, sollten immer hinterher die Eltern an einen Lügendetektor angeschlossen werden.
Jedenfalls war ich mit Nicks Ergebnis zufrieden. Auch Carla hat schon so einen Test absolviert und auch dieser fiel gut aus. Nick sagte, ich solle das auch mal ausprobieren, dann könne man ja sehen, woher er das habe. Ich lehnte ab, denn ich befürchtete ernsthaft, dabei zu versagen. Ich kann nämlich diese Reihen nicht, in denen man erkennen muss, welche Zahl als nächstes folgt. Es ist ein komplettes Desaster mit mir. Über das Zweier-Einmaleins komme ich logisch nicht hinaus. Ich möchte aber, dass Nick mich für schlau hält. Er wird in wenigen Jahren körperlich größer sein als ich und dann will ich nicht völlig verschwinden.
Am Nachmittag klingelte es und mein Schwiegervater kam zu Besuch. Nick erzählte ihm von seinem Intelligenztest und Antonio Marcipane erklärte wortreich, diese alles überragende Klugheit, diese brillante Geistesschärfe habe sich – eine Generation überspringend – direkt von ihm auf seinen Enkel übertragen. Es handele sich um marcipaneske Genie-Gene. Das wollte ich so nicht stehen lassen, deshalb kündigte ich an, doch sofort einen Intelligenztest im Internet zu absolvieren. Ich googelte die entsprechende Seite und Antonio meinte, so etwas habe er bisher nie gemacht, ob ich ihm das Mal zeigen könne.
Also richtete ich unter Angabe seines Alters einen Test für ihn ein. Man muss in vielen Disziplinen Herausforderungen bewältigen. Bei jeder neuen Aufgabe zählt eine Uhr rückwärts. Ergebnisse muss man anklicken oder in Felder eintragen. Antonio war damit mental überfordert, aber das heißt nichts, er flippt auch bei der Ziehung der Lottozahlen aus und dreht bei „Mensch ärgere Dich nicht“ durch. Ich zeigte ihm, was man wo ankreuzen musste, damit waren die ersten zwölf Aufgaben des Tests bereits erledigt. Er übernahm die Maus, langweilte sich aber recht schnell, wodurch er immer wieder an der Zeitvorgabe scheiterte. Also zeigte ich ihm noch einmal, wie sich der Test relativ flott absolvieren ließ und er bedankte sich überschwänglich. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich den Intelligenztest meines Schwiegervaters durch und er kam auf eine ganz anständige Zahl, wenn man bedenkt, dass er auf der Toilette war, telefonierte, zwei Stücke Kuchen aß und mit Nick eine Runde Autorennen an der Playstation spielte, während ich für ihn weitermachte.
Ich stellte nun einen Test für mich selber ein. Da kam Antonio und verkündete, er würde nun mir helfen, schließlich kenne er sich damit aus. Ich müsse also nicht die ganze Zeit dabei sein. Er begann meinen Test mit den einfachen Rechnungen und ich ging kurz raus, um mir einen Kaffee zu machen. Als ich zurückkam, knibbelte Antonio etwas von seinem Ärmel, was er als „Schulde von die Ursula atte die gemakte so eine Suppe, kriegte man die kaum raus da“ bezeichnete. Während er mit dem Daumennagel an seinem Pulli kratzte, lief der Test weiter, ohne dass er irgendwas eintrug. Ich beschwerte mich, aber er meinte, das hole er alles gleich wieder auf. Ich beobachtete dann, wie er gleichzeitig seinem Enkel etwas aus einer von ihm selbst erfundenen Oper vorsang, dabei in den Fernseher sah und mit der Maus willkürlich auf dem IQ-Test herumklickte.
Am Ende war ich vom Ergebnis trotzdem ganz angetan. Ich bin immerhin dreistellig und besitze einen IQ von 102 Punkten. Seitdem ist klar: Ich bin nicht besonders helle. Seinen Grips hat mein Sohn eindeutig vom Opa.