Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.11.2014

397_Italien-Agonie

Die wirtschaftliche Lage in Italien ist desaströs. Und das Wetter war in diesem Jahr katastrophal, ständig Regen. Das hat die Reisesaison verdorben und den Wein. Und die Oliven erst Recht. Staatliche Hilfen für die Olivenbauer und Winzer gibt es nicht. Sie haben einfach Pech gehabt. Das war uns gar nicht so klar, als wir neulich in unser Dorf fuhren, um uns für eine Woche von dem Stress zu erholen, den die Abiturprüfungen unserer Tochter verursachen. Wobei die erst in zweieinhalb Jahren stattfinden. Egal. Am ersten Abend waren wir bei Freunden eingeladen und erfuhren, dass Italien in Agonie versinkt. Die Schilderung der Misere dauerte etwa eine Minute. Dann kam die Vorspeise und mit ihr die Geschichte über die drei Frauen, die kürzlich das Lebensmittelgeschäft im Dorf geerbt haben.
Leider konnten sie sich nicht darüber einig werden, wer von ihnen den Alimentari zukünftig führt. Oder ob man sich tageweise damit abwechselt. Oder jemanden dafür einstellt. Und deshalb besetzt nun jede der drei Schwestern einen Gang in dem kleinen Laden. Für die Kunden ist das sehr seltsam, denn wenn sie in einem Gang nach Erbsen fragen, erhalten sie von der dort herum stehenden Schwester lediglich die Auskunft, dass es in ihrem Gang keine Erbsen gebe. Die Erbsen selber bekommen sie im Mittelgang bei Schwester zwei, die vorgibt nicht zu wissen, ob sich das Klopapier in Gang drei befindet. Die Kasse wird immer von derjenigen Schwester bedient, die am schnellsten dort ist. Die Kunden haben jetzt beim Bürgermeister gefragt, ob dieser nicht einen großen Supermarkt besorgen könne, weil die Stimmung in dem Alimentari dem ganzen Dorf aufs Gemüt schlägt.
Ich würde gerne noch mal über die generelle Lage im Land reden, aber da kommt die Pasta und mit ihr eine weitere atemberaubende Story aus der Nachbarschaft. Dort wurde vor kurzem ein Haus verkauft. In der Krise kommt so etwas vor, außerdem war es der Witwe Castrini zu groß. Zuerst fand sich kein Käufer, aber dann hat ein holländisches Ehepaar zugegriffen und mit der Renovierung begonnen. Das machte Signora Castrini angst, denn bei so einer Umgestaltung kommt womöglich einiges zum Vorschein, zum Beispiel ihr Gatte Ernesto. Dieser wurde nur zum Schein auf dem Friedhof, in Wahrheit jedoch mit seiner Urne unter dem Feigenbaum im Garten bestattet. Die Holländer wollten nun einen Pool bauen, dafür sollte die Feige weichen. Ernestos Exhumierung drohte.
Signora Castrini entschied daher, die Urne heimlich auszugraben. Den Holländern mitzuteilen, dass sie beim Auszug ihren verblichenen Mann im Garten gelassen habe, brachte sie nicht über sich. Mit ihm wäre ja auch seine Scheinbestattung ans Licht gekommen. Also lud sie die Niederländer zu sich nach Hause ein. Zum Abendessen. Diese waren entzückt von der Gastfreundschaft und noch begeisterter waren sie, als Signora Castrini sie eine Woche später noch einmal einlud. Sie fühlten sich regelrecht angenommen in dem kleinen Dorf. Wobei die zweite Einladung nur damit zu tun hatte, dass Signora Castrinis Enkel Giovanni beim ersten Mal im Schein einer Taschenlampe unter dem falschen Baum buddelte und keine Urne fand.
Zum Hauptgang, einem sehr guten Steak wird eine dritte Geschichte serviert, die sich gerade erst zugetragen hat. Es geht um Ennio, der seit Jahren ein Verhältnis mit Alessios Frau Nana hat. Vor kurzem feierten sie sogar den fünften Jahrestag ihrer heimlichen Liebschaft und er schenkte ihr ein kostspieliges Armband mit Brillanten. Am nächsten Tag trifft er Nana und ihren Mann Alessio zufällig auf der Straße. Sie trägt das Armband und Ennio kann es nicht lassen, ein wenig mit dem Feuer zu spielen. Also fragt er gespielt neugierig, was das für ein schönes Armband sei. Ob Alessio es seiner Frau etwa geschenkt habe. Darauf lacht der Ehemann und ruft: „Ich? Ach was! Nein! Das hat Nana gestern tatsächlich auf der Straße gefunden. Also echt: So viel Schwein muss man erst mal haben.“ Da können Nana und Ennio natürlich nur zustimmen.
Schließlich essen wir noch etwas Süßes, danach etwas Süßes und noch ein paar Mandarinen. Die Lage im Land mag angespannt sein, aber mit solchen Menschen und ihren Geschichten kann man sie gut aushalten.