Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.11.2014

398_Carlas arme Opfer

Die vor einigen Wochen erfolgte Trennung von unserer Tochter Carla und ihrem Freund Moritz verursacht Bitternis, Enttäuschung, Kummer und Zorn. Und zwar bei mir. Ich kann gar nicht verstehen, was an Moritz eigentlich so verkehrt war. Gut, ja, er hat noch keinen Führerschein und er mag Fußball, aber das hat mich Beides nie gestört. Carla schon. Mädchen sind sowas von wählerisch, furchtbar. Sie können nun mit einigem Recht sagen, dass mich das Liebesleben meines Pubertiers nichts angehe. Und das stimmt ja auch prinzipiell. Die Kinder müssen ihre Erfahrungen machen und diese sind nicht immer schön, das gehört dazu. Von einem ordentlichen Liebeskummer hat man außerdem sein ganzes Leben lang etwas. Im Glück schnurren die Jahre zusammen und nichts bleibt haften. Aber Kummer
bleibt auch in der Erinnerung für immer riesengroß.
Wobei sich Carlas Kummer in Grenzen hielt, was ich gemein fand, denn Moritz und ich,
wir beide vergingen in Selbstmitleid. Er war nämlich nicht nur ihr Freund, sondern auch meiner. Und als es mit ihnen aus war, war es auch zwischen Moritz und mir vorbei. Wahrscheinlich war Carla nur eifersüchtig. Okay. Ich habe Fehler gemacht. Ich hätte ihm nicht nach einer Viertelstunde das „Du“ anbieten sollen. Und ja, vielleicht hätte ich Carla nicht immer fragen sollen, ob Moritz mit darf, wenn wir ins Restaurant fuhren. Moritz und ich sahen uns auch gemeinsam Fußball im Fernsehen an, wir diskutierten über Autos und den Po von Kim Kardashian. Und einmal blieb er lieber den ganzen Abend bei mir und ging gar nicht erst zu Carla nach oben. Als sie runterkam, um zu gucken, wo er blieb, war er gerade wieder gegangen. Das hat sie genervt. Verstehe ich ja. Aber ich fand es kleinlich, dass sie uns unsere Facebook-Gruppe verboten hat. Und das, wo sie doch nur zwei Mitglieder hatte, nämlich Moritz und mich. Womöglich lag es am Namen unserer Gruppe: „Carlas arme Opfer.“
Am Ende könnte es sein, dass sie meinetwegen mit Moritz Schluss gemacht hat. Aber damit kann ich mich nicht abfinden. Ich versuche deshalb seit Wochen mit diversen Tricks, dieses Traumpaar wieder zusammen zu bringen. Übrigens mit Moritz’ Billigung. Ich ließ zum Beispiel beim Essen fallen, dass ich ihn immer dämlich und seinen Klamottengeschmack indiskutabel gefunden habe. Aber sie verteidigte ihn nicht wie erwünscht, sondern stimmte auch noch zu. Mist. Bei anderer Gelegenheit erwähnte ich ganz beiläufig, dass ich ihn mit einer sehr hübschen Brünetten an der S-Bahn gesehen habe, doch sie reagierte nur mäßig eifersüchtig, indem sie sagte: „Pff, soll er doch, mir total wurscht.“ Schließlich griff ich zu einer Kriegslist, die man zwar abgefeimt finden kann, von der ich jedoch hoffe, dass sie verfängt. Und es sieht ganz gut damit aus. Ich traf mich jedenfalls konspirativ mit Moritz und er übergab mir seinen Schal, den ich heimlich in Carlas Kleiderschrank legte wie eine Speckschwarte vors Mauseloch.
Am nächsten Morgen kam sie die Treppe runter und trug ihn um den Hals. Sie hatte sozusagen angebissen. Ich fragte, ob der Schal neu sei und sie antwortete, den habe Moritz wohl irgendwann bei ihr vergessen und sie trüge ihn nur, um ihn Moritz in der Schule zurück zu geben. Bevor sie zum Bus aufbrach, sah ich sie vor dem Spiegel stehen. Sie schnupperte versonnen an Moritz’ Schal. Als sie nach Hause kam, hatte sie das Ding immer noch um. „Ich darf ihn noch ein Weilchen haben. Er kommt Montagabend und holt ihn sich ab“, sagte sie und lächelte. Es gab also eine Verabredung. Es glomm noch ein winziger Funke. Den durfte ich auf keinen Fall durch väterliche Ungeschicktheit austrampeln.
Ich überlegte, am Montag einfach nicht da zu sein, um nicht störend aufzufallen. Da zog unser Sohn plötzlich von hinten an meinem Pullover. Ich drehte mich um und Nick fragte leise: „Was ist es Dir wert, dass ich Carla nicht erzähle, dass ich Dich mit Moritz’ Schal an ihrem Schrank gesehen habe?“ Na sowas! Mein Sohn ein Erpresser. Aber gut. Ich gehe am Montag mit ihm ins Kino und sehe mir freiwillig den 1298. Superheldenfilm an. In 3D. Nick bekommt Popcorn, Eis und Cheeseburger. Hauptsache, er hält die Klappe und verrät Moritz und mich nicht. Das wäre eine Katastrophe.