Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.12.2014

402_Gender-Jesus

Warum muss das Jesuskind eigentlich männlich sein? Das Geschlecht spielt doch für die Weihnachts-Geschichte an sich keine Rolle. Ob da nun ein Mädchen oder ein Junge in der Krippe liegt, ist dem Esel und dem Schaf vollkommen schnuppe. Es mag sein, dass die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar aus patriarchalischen Gründen eine Erlöserin nicht wirklich ernst nehmen, aber in so einem Fall kann man ja als Maria und Josef schwindeln. In der Situation guckt ja niemand unters Deckchen.
Diese Argumente für eine weibliche Besetzung des Jesuskindes führten vor kurzem im Hinterschnipfenreuther Pfarrkindergarten zu einem höchst kontroversen Vorbereitungsabend für das alljährliche Krippenspiel. Für dieses in Hinterschnipfenreuth enorm populäre Spektakel wurde wie immer ab September ein passender Säugling gesucht. Bisher ist es in über neunzig Jahren immer gelungen, ein männliches Baby aufzutreiben. Es darf blonde, aber keine roten Haare haben, weil Hinterschnipfenreuth nicht im irischen Hochland liegt, und die Eltern sollten nicht weiter weg wohnen als 15 Kilometer, sonst ist es kein Hinterschnipfenreuther Jesus mehr, sondern einer aus Vorderschnipfenreuth. Und da sei Gott vor.
Das hat bisher immer funktioniert, aber dieses Jahr wartete Pfarrer Schedlbauer vergeblich auf eine Anmeldung und begab sich seinerseits auf die Suche nach einem geeigneten Jesus. Er wurde aber nicht fündig, was nicht unbedingt nur an einer gewissen Reproduktionsmüdigkeit innerhalb seiner Gemeinde lag, sondern auch an dem Zufall, dass es in Hinterschnipfenreuth seit September nur weiblichen Nachwuchs gab. Pfarrer Schedlbauer fühlte sich daher genötigt, eine Notsitzung der Gemeinde einzuberufen, um gegebenenfalls das Jesusamt zukünftig auch für Frauen zu öffnen, was aber nur ein paar jüngeren Frauen innerhalb der Gemeinde gefiel.
Nachdem Ulrike Blechschmidt – zugereist aus Dortmund und schon daher eine Lachnummer – ein ebenso engagiertes wie vergebliches Plädoyer für die Geschlechtergerechtigkeit beim Krippenspiel gehalten hatte, ergriff der Bürgermeister zornig das Wort. Die männlichen Mitglieder seiner Familie bekleiden seit Generationen leitende Funktionen in der Burschenschaft, der Feuerwehr, dem Gemeinderat und dem Jagdverein, er selbst war als Baby auch schon Jesus. Er donnerte, man könne dann konsequenterweise auch die Könige von Mädchen darstellen lassen und in Melanie, Babsi und Catrin umbenennen. Und den Esel rosa anmalen. Und mit seinem Kommen sei in diesem Fall nicht zu rechnen. Er habe schon genug daran zu tragen, dass Josef so ein Schlappschwanz sei. Dem schlossen sich die meisten männlichen Teilnehmer der Sitzung an.
Pfarrer Schedlbauer regte hilfsweise an, dann eben gar kein lebendes Kind, sondern eine Puppe in der Krippe zu drapieren, aber das wurde mit dem Argument abgelehnt, dass man sich nur in München oder Vorderschnipfenreuth auf diese billige Art eines Problems entledigen würde. Dann sprach der Schweinebauer Vogt und schlug vor, einfach ein betäubtes Ferkel hinein zu legen. Vogt behauptete, man würde aus der Entfernung praktisch keinen Unterschied sehen und genetisch seien Schweine und Menschen sich sehr ähnlich. Sein Vorschlag wurde als blasphemisch bezeichnet und erhielt nur zwei Stimmen, nämlich die von Vogt und die des Dorfmetzgers.
Die Versammlung endete ergebnislos und beinahe wäre in diesem Jahr das berühmte Hinterschnipfenreuther Krippenspiel ausgefallen. Aber dann kam wie durch ein Wunder vor zwei Wochen doch noch ein männlicher Jesusdarsteller ins Dorf. Er ist mit seinen Eltern in eine Scheune hinter dem Getränkemarkt gezogen. Die Familie war länger unterwegs und machte bei der Ankunft einen müden Eindruck. Pfarrer Schedlbauer besuchte sie und stellte fest, dass das zwei Monate alte Baby geschlechtstechnisch perfekt in die Hinterschnipfenreuther Krippe passte. Der Kleine machte seine Sache dann sehr gut: schlief nicht ein, schrie nicht herum, sondern schaute neugierig aus seinen Jesusaugen ins Publikum. Die Hinterschnipfenreuther haben ihn daher trotz seiner fremden Herkunft als Jesus akzeptiert, den kleinen Amir Al Sayed aus Syrien.