Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.12.2014

403_Im Weihnachtslabor

Im Zuge seiner Forschungen zum Sozialverhalten des Pubertiers ist es dem Versuchsleiter am heiligen Abend gelungen, einprägsame Beobachtungen zu notieren. Bereits vorher war bekannt, dass es sich beim Pubertier um eine Spezies handelt, die sich in Windeseile in ein anderes Tier verwandeln kann, zum Beispiel in ein Diskutier, in ein Debattier, in ein Lamentier und in ein Kommentier. Und nun auch noch in ein Boykottier.
Am Morgen des heiligen Abends teilt das Pubertier Carla beim Frühstück mit, dass es noch einmal grundsätzlich über Sinn und Nutzen des Weihnachtsfestes diskutieren wolle. Dabei kaut sie genüsslich auf einem von ihrer Oma in fronvoller Rackerei zubereiteten Vanillekipferl herum. Es verkündet, dass die ganze Plackerei sinnlos sei, solange es noch ein Kind auf Erden gebe, das keine Vanillekipferl bekäme. Dem Einwand des Versuchsleiters, dass der Oma das Backen von mehreren Milliarden Kipferl nicht zuzumuten sei, begegnet das Pubertier mit Abscheu und der Aussage, dass der Versuchsleiter ein zynischer Apparatschik der Konsumgesellschaft sei.
Das Pubertier kündigt an, Weihnachten mit all seinen traditionellen Blödsinnigkeiten zu ächten. Es verwandelt sich damit in ein Boykottier. Carla fordert ihren jüngeren Bruder auf, diese Maßnahme zu unterstützen, worauf Nick ihr einen Vogel zeigt und erklärt, er stünde voll zu Weihnachten und erwarte gegen 17:30 Uhr die Bescherung. Er werde dabei auch sämtliche seiner Schwester zugedachten Geschenke dankend entgegennehmen und alles, was ihm davon nicht gefiele, noch am selben Abend bei Ebay versteigern, um seinen Weihnachtsertrag ins Unermessliche zu peitschen.
Der Versuchsleiter und sein Sohn schmücken dann den Baum, welcher nach eingehender Diskussion die Farben rot und silber erhält. Das Boykottier beteiligt sich weiter nicht, kritisiert aber die Farbwahl als spießig und seinen Bruder als willfährigen Helfer des Kitschverantwortlichen. Schließlich bringt sie doch Kerzen an. Sie besteht jedoch darauf, dass sie sich auf diese Weise keineswegs an peinlichen Ritualen beteilige, sondern nur das Schlimmste verhindern wolle. Ebenfalls völlig unritualisiert erfolgt anschließend die Zusammenstellung eines objektiv betrachtet ansehnlichen Plätzchentellers, mit dem das Boykottier in sein Zimmer abrauscht, wo es nicht gestört werden möchte.
Stunden später taucht Carla wieder auf, weil ihr langweilig sei. Sie fragt aus rein organisatorischen Gründen, für wann denn die Sache mit der Bescherung geplant sei und kündigt an, dieser beizuwohnen. Dies habe nichts mit falscher Romantik zu tun, sondern nur damit, dass komischerweise keiner ihrer Freunde am späten Nachmittag Zeit habe. Zum vereinbarten Zeitpunkt erscheint sie entgegen einer früheren Verlautbarung nicht in Pyjama und Bademantel, sondern doch recht nett zurechtgemacht. Fast könnte man meinen, sie habe sich für die Feierlichkeiten fein angezogen, aber sie erklärt, sie habe lediglich überprüfen wollen, ob ihr der Rock und die Bluse noch passten.
Das Aufsagen von Gedichten lehnt sie ab, lässt sich aber dazu erweichen, etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Sie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass ihr ohnehin nach Klavierspielen zumute gewesen sei. Es sei völliger Zufall, dass sie ausgerechnet „White Christmas“ und „Stille Nacht“ zum Besten gebe. Schließlich sitzt das Boykottier bei der Bescherung auf der Couch und verfolgt mit verschränkten Armen die Übergabe von Geschenken. Sie verweigert zunächst die Annahme mehrerer Päckchen, kommentiert jedoch die gegenseitigen Gaben der anderen Familienmitglieder zunehmend wohlwollend.
Schließlich erklärt sie, der Abend entwickele sich angenehmer als erwartet und dass sie auch Geschenke für die Anderen habe. Diese habe sie bereits vor längerem besorgt und es helfe ja niemanden, wenn sie diese Geschenke jetzt nicht verteile. Nachdem sich alle darüber sehr freuen, beendet das Boykottier seinen Boykott und verwandelt sich wieder in das Pubertier, als welches sie mit Begeisterung Geschenke entgegennimmt. Fazit: Das Pubertier ist einerseits willensstark, aber gleichzeitig ungefähr so korrupt wie ein tropischer Diktator.