Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.12.2014

400_Boywerdung

Unser Sohn Nick wächst. Schnell und knirschend, wie die Bohnenranke in dem alten Disney-Film „Micky und die Kletterbohne“. Er besitzt plötzlich Schultern. Bis vor kurzem sah er noch aus wie Donald Duck und nun sind da überall Muskeln. Seine Hosen sind zu kurz. Seine Nase wird länger, das Kinn breiter. Doch auch ohne körperliche Veränderungen spüre ich, dass seine Kindheit allmählich zu Ende geht.
Da war die Sache bei McDonald’s. Nick und ich fahren manchmal heimlich hin. Wir nehmen den Autoschalter, mampfen den lauwarmen Mist auf dem Parkplatz und ich fahre mit offenen Fenstern nach Hause, um den Wagen zu lüften. Jedenfalls standen wir vor dem Preisschild und ich sagte: „Für dich also Happy Meal, wie immer.“ Er sah mich an als sei ich ein Salafist im Bikini und sagte: „Happy Meal ist für Kinder. Ich bin’n Mann.“ Das war also das Ende der Juniortüte. Er überblättert jetzt in Restaurants tapfer die Seite mit den Kindergerichten und bestellt, was er für erwachsen hält, nämlich das große Schnitzel. Er fragt, ob es auch wirklich groß sei und er isst es komplett auf. Er lehnt Orangenlimonade und Schorle als Babygetränke ab. Wenn es nach ihm ginge, würde er nur Energydrinks zu sich nehmen.
Offenbar verändern sich gerade irgendwelche Geschmacksrezeptoren. Neulich verkündete er beim Mittagessen, dass er noch einmal Rosenkohl probieren wolle, ein Gemüse, dem er bisher leidenschaftlich angeekelt gegenüberstand. Er biss ab und sagte knapp, man könne das essen. Und aß es auf. Das gleiche gilt neuerdings für Sellerie, von dem er zusätzlich erklärte, man bekäme ordentlich Tinte auf’m Füller davon. Auf meine Frage, woher er das wisse und was das genau bedeute, lächelte er nur und sagte: „Ach Papa, Du musst noch viel lernen.“ Noch am selben Abend lernte ich außerdem, dass Nick nicht mehr vorgelesen haben möchte. Er will auch nicht mehr mit mir Karten im Bett spielen. Dabei liebe ich das „Gefährliche-Insekten-Quartett.“ Er schenkte es mir. Ich könne es gerne später in meinem eigenen Bett ansehen oder mit Sara spielen. „Gute Nacht, Papa, schlaf schön.“
Nachdem er mich aus seinem Zimmer geworfen hatte, ging ich nach unten und dachte über die Veränderungen der letzten Zeit nach. Wir bauen keine Höhlen mehr, in denen wir heimlich klebrige Sachen essen. Wir wühlen nicht mehr das frisch gemachte Bett durch. Wir spielen nicht mehr Zombie und ziehen dabei das rechte Bein nach. Manchmal gucken wir noch die Simpsons. Dann sagt er: „Die Folge kenn’ ich schon.“ Und ich sage. „Ja, ich auch.“ Sonst sagt er nicht mehr so viel. Ich mochte immer, wenn er seine Geschichten erzählte, die von Außerirdischen handelten, die er auf dem Schulweg treffe. Er berichtete auch gerne von ausgesprochen ekligen Wetten auf dem Pausenhof und was sie heimlich mit dem Essen in der Schulmensa anstellen (Sie wollen es nicht wissen). Aber inzwischen vergisst er diese Dinge offenbar auf dem Nachhauseweg. Wenn ich ihn jetzt frage, wie es irgendwo war, sagt er: „Schön“. Und wenn ich ihn frage, was er mit seinen Freunden gemacht habe, sagt er: „Nichts.“ Ein schönes Nichts ist sein Leben jetzt, jedenfalls dringt nichts weiter zu mir durch. Mit Freunden quatscht er ununterbrochen, aber ich bin weitgehend raus.
Genau wie ein riesiger Berg von Klamotten, die er aussortiert hat, weil sie ihm zu kindlich waren. Jeans müssen plötzlich eng sein. Muppetfiguren auf dem T-Shirt? Geht nicht. Peetu Piiroinen oder Taku Hiraoka gerne. Das sind Snowboarder. Die Turnschuhe, die bei jedem Schritt blinken, warf er mit Abscheu im Gesicht in die Mülltonne. Er war für die Dinger damals über zehn Runden gegangen, hatte sie sich unter Preisgabe seines letzten Stolzes regelrecht erbettelt. Die Kinder CDs landeten ebenso auf dem Dachboden wie Playmobil und allerhand Brettspiele, die gegen Minecraft verloren haben. Es war eine geradezu mitleidlose Umstrukturierung. Dagegen ist der Kahlschlag bei Karstadt ein Kuschelseminar.
Heute kam er zu mir und fragte, ab wann man sich rasieren dürfe. Er stand barfuß vor mir. Ich sah auf seine Füße und stellte fest, dass sie momentan unverhältnismäßig groß sind. Er ist jetzt zwölf Jahre alt, aber seine Füße sind schon 16. Hoffentlich ruckelt sich das irgendwann wieder zurecht. Oder unser Sohn ist ein Hobbit.