Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.12.2014

399_Frische Wahrheiten

Was die Menschen so alles glauben, finde ich doch immer wieder ebenso faszinierend wie erschreckend. Zum Beispiel habe ich gestern aus dem Radio eine Information über Kokosnüsse erhalten, die auf Anhieb ziemlich spektakulär klingt. Da behauptete nämlich ein Kokosnussfachmann, dass weltweit mehr Menschen durch herabfallende Kokosnüsse stürben als im Straßenverkehr. Immerhin wögen Kokosnüsse mit Schale locker fünf Kilo und wenn sie von einer hohen Palme fielen, sei der Schädelbasisbruch quasi programmiert. Gut. Das mag schon sein und im nicht betroffenen Kopf entfächert sich sofort umfangreiches Bildmaterial bei der Vorstellung, wie ein harmlos umherspazierender Passant mir nichts Dir nichts von einer Nuss erschlagen wird. Dong.
Und das soll also häufiger geschehen als tödliche Verkehrsunfälle? Das sind ja sagenhafte Neuigkeiten. Man möchte das gerne weiter erzählen oder auf Facebook posten. Und genau das machen auch ganz viele Leute. Obwohl die Sache bei Licht betrachtet ziemlicher Unsinn ist. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2013 die enorme Zahl von 1,24 Millionen Verkehrstoten ermittelt. Wenn es tatsächlich derart viele und sogar noch mehr Kokosnussopfer gäbe, fiele der Anbau von Kokosnüssen vermutlich längst unter das Kriegswaffenkontrollgesetz. Viel glaubwürdiger klingt die bei Wikipedia veröffentlichte Annahme, dass jedes Jahr weltweit ungefähr einhundertfünfzig Menschen bei einem Zusammenstoß mit einer Kokosnuss sterben, welche übrigens mit bis zu achtzig Sachen vom Baum fällt.
So gesehen sind Kokosnüsse entschieden gefährlicher als Haie. Aber Nüsse haben keine Zähne, sie fallen nicht mit Absicht vom Baum und beißen nicht in Surfbretter. In Wahrheit sind die Kokosnüsse den Menschen zu langweilig. Fakten stören nur. Die Leute möchten bitteschön unterhalten werden und einfache Zusammenhänge schnell verstehen.
Manchmal wird es ihnen dabei allerdings furchtbar schwer gemacht. Bei Filmen von Dominik Graf zum Beispiel. Über den Regisseur habe ich ebenfalls im Radio gehört, dass er es auch gar nicht so wichtig fände, dass man seine Figuren verstünde. Ich möchte ja nicht unbedingt Drehbuchautor für Dominik Graf sein. Andererseits sind dessen Scripts schnell geschrieben. Wahrscheinlich enthalten seine Drehbücher Dialoge wie dieser hier:
Robert: Nuschel heute, nuschel kannst, verhumbiegen, nuschel, unverständlich, natürlich recht.
Peter: Tuschel, auch so, tuschel, flüster, nargottiv, membrak, tuschel,
Robert: Na also, wer sagt’s denn! Nuschel
Peter: Gut, tuschel, oder nepfda, gedämpf, bermorgen.
Man muss jetzt natürlich dazu sagen, dass es sich hier um einen Thriller aus dem Geheimdienstmilieu handelt. Deutliche Sprache wäre hier quasi tödlich für die Authentizität des Plots. Trotzdem regen sich viele Zuschauer auf, sobald ein Film von Dominik Graf im Fernsehen gelaufen ist. Die Erregungs-Netzwerke laufen heiß, die Zuschauer meckern und schimpfen und tremolieren, weil es so einfach ist. Dabei hat man aber auch öfter den Eindruck, dass die sehr verehrten Mediennutzer manche Dinge auch mit Absicht falsch verstehen, weil das lustiger ist.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gerne an zwei Cartoons, die ich vor vielen Jahren sah, aber nie vergessen habe. In beiden wurden aufregende Schlagzeilen bebildert. Die eine lautete: „Bürgermeister schlägt schwangere Frau“ und darunter waren ein dicker Mann und eine schwangere Frau abgebildet, die gemeinsam an einem Tisch saßen und Schach spielten. Der zweite Cartoon enthielt die Schlagzeile „Mit neunzig bei Nebel auf dem Bürgersteig“ und zeigte einen Greis mit Krücken, der zwischen Dunstschwaden über einen Gehweg humpelte. Diese Bilder kamen mir in den Sinn, als ich vor ein paar Tagen Neuigkeiten von der amerikanischen Regierung las. Da hieß es nämlich: „Obama kommt illegalen Einwanderern entgegen.