Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.12.2014

401_Sprachallergie

Sara beklagt sich darüber, dass ich mir schon seit Jahren nichts mehr wünsche. Dabei stimmt das nicht. Es gibt schon Dinge, die ich gerne hätte, aber sie sind nicht wunschzetteltauglich. Ich wünsche mir nämlich mehr sprachliche Genauigkeit im Alltag und vernünftige Kissen.
Zunächst zu Letzterem. Wir erleben gerade die flächendeckende Abschaffung des Daunenkissens, zumindest im Hotelgewerbe. Auch angeblich gute Häuser bieten häufig nur noch so genannte Allergiker-Kissen an. Die meisten sind entweder mit Stahlwolle befüllt oder mit Polyether oder seltsamen Kunststoffstäbchen oder Kugeln oder Plastikgranulat oder altem Knetgummi aus der Selma-Lagerlöf-Kita Darmstadt. Jedenfalls lassen sich diese Kissen praktisch nicht verformen und das bedeutet, dass meine Halswirbelsäule nach einer Nacht auf so einem Ding aussieht wie der Rhein bei Boppard. Selbst in teuren Hotels fühle ich mich inzwischen wie ein Reha-Patient in einer Anstalt für wirbellose oder entbeinte Opfer. Man muss diese Kissen praktisch nie reinigen und damit spart man Geld. Das ist der einzige Grund für den Siegeszug dieser orthopädischen Landminen. Wenn es die FDP noch gäbe, hätten die Hoteliers höhere Einnahmen aus der Mehrwertsteuer, müssten sich keine billigen Schrottkissen kaufen und ich könnte besser schlafen. So sieht’s aus.
Überhaupt die FDP. Ich trauere schon ein bisschen um sie. Die CSU ist nämlich in punkto Seltsamkeit nur ein sehr schwacher Ersatz. Gut, es gelingt ihr, die ihrer letzten Würde beraubte SPD in der Regierungskoalition mit immer neuen Albernheiten vor sich her zu treiben. Das macht sicher Spaß, ich vermute Horst Seehofer lacht sich abends in den Schlaf. Aber es kostet uns alle sehr viel Geld. Die Maut zum Beispiel wird gerade eingeführt, neu gestaltet und gleichzeitig wieder abgeschafft und das alles praktisch vom selben Personal.
Ich mag es lieber, wenn die von der CSU sich Sachen ausdenken, die nicht gleich so teuer sind, aber auch für Stimmung sorgen. So wie die Forderung, dass Ausländer zuhause deutsch reden sollen. Das gefällt mir, auch weil die Stammwählerschaft der CSU sofort davon betroffen wäre, sobald sie sich aus beruflichen Gründen in Hessen, Hamburg oder Berlin befände. Da hapert es ja schon an den simpelsten Grundlagen der deutschen Sprache. Der Komparativ wird zum Beispiel bei uns in Deutschland mit dem Vergleichswort „als“ verwendet. Es heißt nicht „Bayern ist besser wie Dortmund“ und erst Recht nicht „als wie Dortmund“, sondern schlicht „als Dortmund“. Dann: „Stehen“, „Liegen“ und „Sitzen“ werden mit „haben“ konjugiert. Und Cola ist weiblich. Genau wie Butter übrigens. Der CSU-Generalsekretär würde vermutlich am Einbürgerungstest der Bundesrepublik Deutschland scheitern, auch wenn er schon viel öfter am Regierungstisch gesessen ist wie ein Syrer und dabei den Butter auf der Semmel mit einem Cola genossen hat.
Sprachliche Genauigkeit ist ein hoher Wert und die Einhaltung von Regeln sollte man einfordern, solange man noch am Drücker gesessen ist. Im Radio wird damit allerdings hier und da etwas übertrieben. Bei Deutschlandradiokultur jedenfalls. Man kann das Haus und sein Programm nicht genug preisen, aber es hat dort offenbar jemand verfügt, dass immer, also wirklich immer, wenn von einem Jahrzehnt die Rede ist, auch das Jahrhundert genannt werden muss. Ist in einem Beitrag von Kutschen die Rede, mag das sinnvoll sein. Bei den meisten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts ist dessen Nennung hingegen unnötig. Wenn es um Computer, Autos, Kunst oder die Lieblingsreiseziele der Deutschen in den fünfziger, sechziger oder achtziger Jahren geht, muss man nicht betonen, dass es sich um Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts handelt. Man versteht das. Wirklich, liebes Deutschlandradiokultur. Aber die sprechen da immer von Telefonen der neunzehnhundertneunziger Jahre. Vor ein paar Tagen sagte ein Moderator dann tatsächlich: „Wenn Andy Bell mit einem Joy-Division-T-Shirt auf der Bühne steht, fühlt man sich in einen Club der Neunzehnhundertachtziger Jahre versetzt.“ Und da dachte ich: Diese Wendung ist wirklich der Allergikerkissen der deutschen Sprache.