Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wagenheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.01.2015

404_Das Silvesterwunder

Die Musik verbindet Menschen und Generationen. Wer auch immer diese krude Theorie aufgestellt hat, besitzt keinen Schimmer von Menschen und erst Recht nicht von Generationen. Das Gegenteil ist wahr. Ich zum Beispiel habe in meiner Jugend immer sehr großen Wert auf das Trennende in der Musik gelegt und wollte, dass meine Plattensammlung möglichst wenig mit der meiner Eltern gemein hatte. Und ich fand großartig, als meine Mutter einmal feststellte, Bob Marley trüge offenbar eine Frisur aus Dauerwürsten. Es hätte mir die Sache vermutlich madig gemacht, wenn sie gewusst hätte, dass es sich dabei um Dreadlocks handelte. Und noch viel mehr hätte mir missfallen, wenn sie vor meinen Augen zu Musik von Bob Marley getanzt hätte. Das wäre eine Grenzverletzung erster Güte gewesen.
Als Sara vor einigen Wochen mit der Idee um die Ecke kam, Silvester im Rahmen einer Mehrgenerationenparty bei uns zuhause zu feiern, war ich also extrem skeptisch. Trotzdem stimmte ich zu, weil man auf diese Weise die Kinder im Blick hat. Man muss nicht noch nachts kilometerweit durch die verschneite Gegend gurken, um angeheiterte und dauerquasselnde Jugendliche von einer Party abzuholen, auf der man erst zwanzig Minuten nach ihnen suchen muss und dabei für einen Zivilfahnder gehalten wird. Und am Ende fehlen ein Schuh und der teure Schal und einer bricht süße Getränke ins Auto. Dann doch lieber alles bei uns zuhause. Fand ich.
Wir sprachen also mit dieser Idee bei unserer Tochter vor und ich warb dafür, indem ich ausführte, dass es sich um eine wunderbare Möglichkeit für gemeinschaftliches Vergnügen handele, mit Carlas jugendlichen sowie unseren erwachsenen Freunden zu feiern. „Du hast doch gar keine Freunde“, stichelte unsere Tochter. Aber die Idee, an Silvester nicht selbst irgendwohin zu müssen, gefiel ihr dann doch. Carla erklärte huldvoll, sie werde die Idee in ihrem Freundeskreis zur Sprache bringen. Wenige Tage später kündigte sie an, mit etwa einem Dutzend Gleichaltriger teilzunehmen, dies allerdings nur unter der Bedingung, dass sie nicht mitansehen müsse, wie ich tanze.
Da musste sie sich allerdings keine Sorgen machen. Ich tanze nicht. Ich lege nur auf. Ich bin ein ausgezeichneter DJ, wirklich. Das einzige, was mich dabei immer etwas nervt ist diese laute Musik die ganze Zeit. Ich lege daher eher leise auf. Und auch lieber ältere Stücke, was von Brahms, gerne auch Schubert. Und wenn ich was getrunken habe Bach. Ich moderierte genau dies an und Carla zog ihre Zusage wieder zurück. Ich musste eine Viertelstunde auf sie einreden, um sie zu beruhigen und ich versprach, ausschließlich Tanzmucke aufzulegen. Und zwar laut, natürlich.
Silvester kam näher und ich begann, meine Plattensammlung zu durchforsten. Ich besitze noch Maxi-Singles. Unser Sohn Nick wies mich darauf hin, dass die kein Mensch hören wolle und zwang mich zu einer Einkaufstour bei itunes. Ich erwarb für etwa fünfzig Euro alles, was Nick mir vorschlug. Es handelt sich dabei durchgängig um Musik, die auf der Kirmes läuft, während die Besucher sich auf Fahrgeschäften den Magen umdrehen lassen. Dann ballert dieser Trash aus den Boxen und der Kassierer ruft ins Mikro: „Jetzt drei Fahrten für einen Euro. Steigen Sie ein. Gleich geht’s los.“ Solche Musik eben. Die Interpreten haben wahnsinnig viele Großbuchstaben im Namen, dazu viele Ypsilons und Ixxe und Dollarzeichen. Ihre Titel heißen: „Bangarang“, „Tremor“ oder „Make U Bounce“.
Tja. Ich legte also auf und keiner tanzte, nicht einmal die Jugendlichen, weil sie dafür zu cool waren. Schließlich kam Nick zu mir und fragte, was das erste Lied gewesen sei, auf das ich jemals getanzt habe. Ich dachte nach. Das war an Silvester 1976, ich war neun Jahre alt. Eine Woche später kaufte ich mir die Single, es war meine erste Platte. Ich lief auf den Dachboden, um sie zu suchen. Und ich fand sie auch. Ich legte sie um genau 1:21 Uhr auf und alle, wirklich alle tanzten auf den großen Winterhit von vor 38 Jahren. Stimmung bombig, Party gerettet. Carla erklärte das Lied sogar umgehend zu ihrem neuen Lieblingssong. Und damit hat das Jahr 2015 sein erstes kleines Wunder. Es heißt „Jeans On“ und ist von David Dundas.