Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.01.2015

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Sehr bemerkenswertes so genanntes Fun Fact zum Thema Körperschmuck: Knapp dreißig Prozent aller Deutschen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren sind tätowiert. Angeblich. Habe ich jedenfalls gelesen. Wobei man ja nie weiß, ob solche Zahlen überhaupt stimmen. Wer zählt so etwas? Und was gilt als Tätowierung? Wenn jeder winzige Anker und jedes noch so kleine Kreuzlein, welches sich gelangweilte Zehntklässler während des Religionsunterrichtes in den Oberarm gepiekst haben, mitgezählt werden dürfen, dann sind vermutlich über die Hälfte aller Deutschen tätowiert. Behaupte ich jetzt einfach Mal.
Das gilt übrigens auch für mich. Ich besitze an der Innenseite meines rechten Unterarms eine Tätowierung. Allerdings kann ich nicht sagen, was sie darstellt und nicht einmal, wo sie sich ganz genau befindet, denn mein Tattoo ist tatsächlich: Unsichtbar. Aber es ist da. Ich habe mir das Ding im Rahmen einer Reportage stechen lassen. Ich berichtete damals über einen Kölner Tätowierer und im Verlaufe des Gesprächs kamen wir überein, dass ich über seine Kunst nicht glaubhaft schreiben könne, wenn ich sie nicht auf der eigenen Haut erlebt hätte. Das leuchtet im Nachhinein nicht recht ein, denn unter dieser Prämisse müsste sich ein guter Reporter auch ermorden lassen, um kompetent über einen Mörder schreiben zu können.
Jedenfalls wurde ich dann tätowiert. Und weil es mir und dem Künstler mehr um die Erfahrung des Schmerzes als um das Bild an sich ging, ließ er nur Wasser durch seine Nadel laufen. Es tat tüchtig weh und es hat geblutet und hinterher habe ich Salbe und eine Klarsichtfolie auf den Arm bekommen. Als alles verheilt war, sah man nichts mehr. Ich bin bis heute mit dem Ergebnis der Sitzung außerordentlich zufrieden, ich muss nichts mühsam entfernen oder überstechen lassen und ich habe es getan. Ich finde, das hätten viele der schätzungsweise sieben Millionen Gezeichneten in Deutschland genauso halten können. Die meisten Tattoos sehen ja doch zumindest von weitem so aus, als litten ihre Trägerinnen und Träger unter großflächigen bunten Ekzemen
Und selbst die schönsten Tattoos sehen nach einigen Jahren nicht mehr hübsch aus, was daran liegt, dass der Körper an Spannung verliert und das Motiv mit der Zeit an Schärfe und Ausdruck. Besonders florale Bilder verwelken buchstäblich mitsamt ihrer Besitzer. Das kann natürlich spannend sein, aber bei anderen Bildern kommt es durchaus zu deprimierenden Veränderungen, man denke nur an die Millionen von mit den Jahren faltig gewordenen Babyköpfen an quarkigen Oberarmen. Das sind doch traumatische Entwicklungen, die aber von Menschen diesseits der dreißig nicht bedacht werden.
Man sollte grundsätzlich erst mit siebzig Jahren damit anfangen. Dann sehen die Motive auch im Pflegeheim noch knackig aus und bei ihrer Auswahl spielen ganz andere biografische Hintergründe eine Rolle. Eine mit dem Erlebnisschatz eines langen Lebens ausgerüstete alte Dame wird sich ja zum Beispiel kaum das Gesicht von Lukas Podolski eintackern lassen, sondern vielleicht eher das von Herbert von Karajan oder ein notariell beglaubigtes Testament. Aber leider hat die Körperbemalung bei älteren Menschen noch keine besonders große Lobby. Sie gilt bei den Senioren immer noch als Kennzeichen einer Lebensfreude, der meiner Beobachtung nach besonders in Bowling-Centern gefrönt wird.
Dort waren wir nämlich neulich. Wir ließen die Weihnachtsferien auf dringenden Wunsch unseres Sohnes mit einem Besuch auf einer Bowling-Anlage ausklingen und ich stellte fest, dass dort nicht dreißig Prozent, sondern etwa neunzig Prozent aller Besucher tätowiert waren. Das ist beeindruckend, aber nichts gegen Darts. Dieser Sportart darf man überhaupt nur tätowiert nachgehen. Jedenfalls sprachen wir auf dem Heimweg über Hautschmuck und Nick kündigte an, sich an seinem achtzehnten Geburtstag stechen zu lassen. Das Motiv fand ich zumindest originell: Er möchte eine Waschmaschine auf den Rücken, warum, weiß er auch nicht. Ich habe jetzt noch knapp sechs Jahre Zeit, ihm das auszureden. Und wenn mir das nicht gelingt, bringe ich ihn vielleicht dazu, es so zu machen wie ich. Mit einer unsichtbaren Waschmaschine auf dem Rücken meines Sohnes kann ich gut leben.