Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.01.2015

406_Babysitterregeln

Unsere Tochter Carla ist zum ersten Mal rausgeflogen. Fristlos gekündigt aus ihrem relativ einträglichen Job als regelmäßige Babysitterin der kleinen Cheyenne Shakira Hirschmeyer. Ihre Eltern unterhalten zahlreiche soziale Bindungen, welche sie am Wochenende hingebungsvoll pflegen. Samstags nach der Sportschau ziehen sie sich um. Frau Hirschmeyer schminkt sich stark, er legt eine belederte Kluft an, mit der er aussieht wie der Rocker von den Village People. Sobald unsere Tochter klingelt, entweichen die aufgestrapsten Eltern duftend und kehren nicht vor ein Uhr nachts zurück.
Ich mochte es immer, dass Carla ihre Samstage bei den Hirschmeyers verbrachte, weil sie auf diese Weise nicht woanders sein konnte. Aber als ich Carla neulich um 1:12 Uhr bei Hirschmeyers einsammelte, stand sie bereits vor dem Haus. Auf dem Rückweg teilte sie mit, dass sie sich einen neuen Job suchen müsse, weil man sich von ihr getrennt habe. „Wieso denn das?“ fragte ich und Carla antwortete, dass ihr nach dieser traumatischen Erfahrung mit der Arbeitswelt nicht zum Reden zumute sei und es mich im Grunde auch nichts anginge.
Das machte mich natürlich neugierig. Und auch wenn sie Recht hatte und es wirklich nicht meine Sache war, rief ich am nächsten Tag bei Hirschmeyer an. Ich kenne ihn, denn ich betanke mein Auto bei ihm. Er setzte mir auseinander, dass sie Carla durchaus gern gehabt hätten, aber mit dem Vorfall vom gestrigen Abend habe sie nun eine letzte Grenze bei ihnen überschritten. Dann zählte er auf, was Carla in den vergangenen Monaten während Hirschmeyers Abwesenheit so getrieben hat. Man kann ihre wesentlichen Verfehlungen in eine zehn Punkte umfassende Liste formen, welche an dieser Stelle mahnend genannt werden soll, auch als Richtschnur für andere Babysitter.
Auf Folgendes sollte demnach bei der Ausübung einer samstäglichen Kinderbetreuung dringend verzichtet werden. Erstens: Man fragt das Kind nicht, ob es wegen seines Gesichtes immer noch sauer auf seine Eltern sei. Zweitens: Man sortiert die Plattensammlung des Vaters nicht neu. Drittens: Das DVD-Entertainment-Programm für Kleinkinder umfasst nicht ohne Grund Filme wie „Bibi Blocksberg“, „Laura Stern“ und „Ein Schweinchen namens Babe“, nicht aber „Shining“, “Kill Bill“ sowie „Ein Zombie hing am Glockenseil.“ Viertens: Wenn man schon die Glühlampe am Hauseingang auswechselt, weil sie kaputt ist, schraubt man keine rote Birne rein. Fünftens: Man lässt die Finger von den Schubladen und holt nichts heraus, was man dem Kind hinterher nicht in leicht fassbaren Worten erklären kann. Sechstens: Chips mit Vanilleeis und Cola sind kein adäquates Abendessen. Dasselbe gilt für Käsefondue. Siebtens: Man unternimmt keine Wanderungen durch die Nachbarschaft und man stellt Cheyenne Shakira dabei nicht als Geist verkleidet auf fremde Terrassen.
Achtens: Man führt keine Aufklärungsgespräche mit Vierjährigen, nicht einmal, wenn sie darum bitten. Neuntens: Man lädt keine männlichen Pubertiere ein, die das Weißbier des Vaters austrinken und dem Kind beibringen, das Alphabet zu rülpsen. Und zehntens: Die Fernbedienung der Eltern wird nicht umprogrammiert. Das war es wohl, was bei Heinz Hirschmeyer den letzten Funken gezündet hat. Er kam wohl nach Hause und wollte noch die Wiederholung des aktuellen Sportstudios sehen, fand es aber nicht, zappte immer verzweifelter werdend durch die Kanalliste und verpasste auf diese Weise irgendeine Rodel-Meisterschaft der Damen, von der er sich optisch viel versprochen hatte, getreu dem Merksatz: Das Auge rodelt mit. Jedenfalls fummelt man nicht an der Fernbedienung fremder Väter herum.
Ich legte auf und nahm mir vor, mit Carla noch einmal darüber zu reden, aber die Angelegenheit hat sich wenige Stunden später von selbst erledigt. Carla hat ihren Job zurückbekommen. Hirschmeyer rief sie auf ihrem Handy an und bat sie quasi auf Knien um ihre Rückkehr, denn er kennt offenbar außer ihr niemanden, der intellektuell dazu in der Lage wäre, seine TV-Programme wieder so zu ordnen, wie er sie haben will. Man könnte auch sagen: Carla hat Cheyenne Shakiras Vater in der Hand.