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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.01.2015

407_Bildersprache

Schon öfter hat der Versuchsleiter feststellen müssen, dass sein Studienobjekt – das Pubertier – in einer Sprache kommuniziert, die ihm auf eine sonderbare Art fremd ist. Zwar bedient es sich aus einem verständlichen und allgemein verbreiteten Wortfundus, um sich auszudrücken, jedoch kommen dabei Ergebnisse zustande, die dem Versuchsleiter nicht immer dechiffrierbar erscheinen. Mit diesem unverständlichen Soziolekt ist nun aber keineswegs lässige Jugendsprache gemeint, die gerne von Erwachsenen in anbiedernder Form verwendet wird, wodurch bei den Heranwachsenden geradezu apokalyptische Fremdschamanfälle ausgelöst werden.
Es geht bei diesem Unverständnis auch nicht um eine Vokabelschwäche des Versuchsleiters, wie er sie von seinem Umgang mit der Putzfrau kennt. Er kann einfach nicht genug polnisch, um ihr zu verdeutlichen, dass der Meerrettich in der Tube zwar abgelaufen, aber im Grunde noch okay war. Wer weiß schon, was Meerrettich auf polnisch heißt? Der Versuchsleiter jedenfalls nicht. Und ersatzweise zeichnen kann er Meerrettich auch nicht. Zeichnen Sie mal Meerrettich. Meerschweinchen ginge zur Not, aber Meerrettich? Unmöglich. Egal.
Beim Pubertier entsteht die Verwirrung jedenfalls durch den atemberaubenden Metapherreichtum seiner Sprache. Wenn Carla sich mit ihresgleichen unterhält, bekommt man den Eindruck, die Teilnehmer der Konversation lebten entweder in Mittelerde und seien Elben oder aber Angehörige eines Geheimdienstes, dessen Mitarbeiter sich nur in codierten Formeln unterhalten. Die Bundeskanzlerin heißt im Spiondeutsch zum Beispiel „Großer Wiesenchampignon“, was irgendwie mit ihrer äußeren Form zu tun hat. Wenn sie zum Beispiel Wladimir Putin empfängt, sagen die Agenten: Der Große Wiesenchampignon trifft das Kremlmonster.“
Und ganz ähnlich klingt es, wenn das Pubertier telefoniert. Der Versuchsleiter hält sich zu Forschungszwecken gerne in der Nähe des Versuchsobjektes auf und schreibt mit, was es sagt. Gestern äußert es sich zur Krise bei Manuel und Emma: „Da sind zwei U-Bahnen auf Gleisen unterwegs, die an unterschiedliche Ziele führen. Und es gibt keine Haltestelle mehr.“ Das klingt dramatisch, aber nicht so schlimm wie das Schicksal der irgendwie unbeliebten, aber charakterlich einwandfreien Chiara, über die es heißt: „Sie ist ein Kräuterbonbon. Sie hat einen Sirupkern, aber die Ränder sind so hart und scharf, dass sich jeder beim Lutschen daran schneidet und nicht bis zur süßen Füllung vordringt. Sonst hätte sie längst einen Freund.“ Hier ist zur Entschlüsselung erhebliches Abstraktionsvermögen gefragt.
Später beim Abendessen drehen sich wesentliche Teile der Unterhaltung um ein männliches Pubertier namens Leon, welcher sein offenbar magnetisches Potenzial besonders in Schulpausen zur Geltung bringt, wo er gleich mehrere weibliche Artgenossen mit seinem aufreißerischen Charme betört. Carla preist seine schönen Hände und seinen Humor. Außerdem sei er vermutlich der am besten aussehende Junge der Schule. Auf die Frage des Versuchsleiters, ob Leon im komplizierten Partnerwahlverfahren seiner Tochter eine Chance habe, entgegnet sie, dass Leon eine typische Pizza sei. Der Versuchsleiter bittet um eine Erklärung und erhält folgende Definition einer Pizza: „Eine Pizza sieht knusprig aus und duftet super. Jeder will die Pizza. Man weiß schon, dass die Pizza gut schmeckt, aber ganz am Ende tut sie einem nicht gut. Genau wie Leon.“
Der Versuchsleiter ist von dieser Erklärung begeistert und fragt nach, welches Lebensmittel er denn demzufolge darstelle. Er vermutet, dass er eine Kohlroulade oder 120 Gramm Harzer Käse mit Kümmel ist, aber das Pubertier überrascht ihn mit der Einlassung, er sei in ihren Augen ein Trüffel. Darauf reagiert der Versuchsleiter betroffen. „Ein Trüffel ist faltig, rund und riecht nach Keller“, sagt er resignierend. Da legt seine Tochter ihre Hand auf seine und sagt: „Ein Trüffel ist selten, wertvoll und aromatisch.“ Der Versuchsleiter hat anschließend den ganzen Abend hervorragende Laune und sieht mal nach, was Meerrettich auf polnisch heißt. Ein schönes Wort ist das. Es lautet: Chrzan.