Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.02.2015

408_Rechtsstreitigkeiten

Heute mal etwas sehr persönliches: Es ist nämlich so, dass ich erst sehr spät gelernt habe, wo links und wo rechts ist. In meiner Kindheit habe ich mich mit dieser Unzulänglichkeit trickreich durchgewurstelt. Zum Beispiel spielte ich als Junge im Fußballverein rechter Verteidiger. Zu Beginn des Spiels musste man sich auf seine Position stellen, aber ich wusste nie, wo die war. Ich habe also abgewartet, wo André sich hinstellte, denn der war linker Verteidiger. Erst wenn er auf seiner Position stand, schlenderte ich wie selbstverständlich auf meine ihm gegenüber.
Auch später hatte ich mit dieser Unterscheidung immer wieder größte Schwierigkeiten. Die Terroristen der RAF waren zum Beispiel natürlich links, wurden jedoch von Palästinensern unterstützt und waren israelfeindlich eingestellt. In Israel leben Juden und diese wurden von den Nazis verfolgt und ermordet. Also von Rechten. Für mich war es damals schwer zu begreifen, dass ausgerechnet linksextreme Terroristen rechten Nazis nachfolgten. Inzwischen geht’s, aber bemerkenswert finde ich das immer noch. Und in diesen Tagen habe ich auch wieder große Probleme, rechts und links ganz genau zu unterscheiden. Beispielsweise bei diesem ganzen Dschihadisten-Gedröhne der letzten Zeit samt Pegida-Demos und Gegendemos. Da vermischen sich derart viele Themen, dass ich selbst als politikinteressierter Mensch Mühe habe, alles zu verstehen. Charlie Hebdo zum Beispiel. Ein Anschlag auf die Meinungs– und die Pressefreiheit, sagt man erbost oder verbittert oder betroffen. Und das ist ja auch ganz richtig. Trotzdem finde ich einen Aspekt der ganzen Sache verwirrend.
Und zwar diesen: Mal angenommen, irgendwelche Pegida-Teilnehmer hätten vor vier Wochen islamkritische Karikaturen aus der satirischen Zeitschrift bei ihren Demos hochgehalten (gut, das ist sehr unwahrscheinlich, denn es setzt ein Mindestmaß an Bildung und die Kenntnis der französischen Sprache voraus, aber wir nehmen jetzt mal beides an), dann hätten das die meisten Pegida-Gegner rassistisch oder zumindest geschmacklos gefunden. Dann hätten also Rechte mit den Scherzen einer linken Satirezeitschrift die mehrheitlich linken oder wenigstens linksliberalen Deutschen auf die Palme gebracht. Tatsächlich haben diese Pegida-Leute nach dem Anschlag genau das getan, worauf die Pegida-Gegner darauf bestanden haben, dass islamkritische Zeichnungen und „je-suis-Charlie“-Bekenntnisse nicht in die Hände von Islamgegnern gehörten, weil diese die Scherze instrumentalisieren könnten, was ihnen aber nicht zustünde, schließlich sei Charlie Hebdo ja links gewesen.
Ich finde das kompliziert und kann es meinen Kindern nur sehr schwer erklären, zumal gerade ein uralter und urkonservativer Spruch die Runde macht, den ich in meiner Jugend immer und ausschließlich aus den mit Zigarrenrauch gefüllten Mündern erzkonservativer Politiker gehört habe, vorzugsweise im Internationalen Frühschoppen in der ARD.
Dort hieß es nicht nur einmal, dass wer sich in Deutschland nicht wohlfühle, doch einfach abhauen solle, vorzugsweise in die DDR. Und nun habe ich diesen rechten Satz fast im Wortlaut wieder gehört. Der Bürgermeister von Rotterdam hat ihn gesagt: „Wenn es euch hier nicht gefällt, (…) dann lasst es mich so sagen: Haut doch ab!“ Das war ein ganz guter Satz und man denkt dabei: Das sollen die islamistischen Fanatiker ruhig machen und mit Allen, die wirklich einen Gottesstaat wollen, einen gründen. Vermutlich würde dafür die Grundfläche von Pellworm ausreichen. Egal. Jedenfalls war der Satz des Bürgermeisters mutig, denn der Mann ist Moslem. Und in der niederländischen Version der SPD, also im Prinzip links.
Man hört jetzt auch immer wieder aus dem Lager des linksintellektuellen Bürgertums, diese latent doofen und rechten Pegida-Typen sollten halt mal was auf die Beine stellen, ordentlich arbeiten und ihre Zukunft gestalten, anstatt immer nur zu meckern. Und genau das haben früher die rechten Vertreter der etablierten Gesellschaft den linken Hippies und später den Punks im Stadtpark zugerufen. Und da sage noch mal einer, lechts und rinks kann man nicht velwechsern. Werch ein Illtum.