Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.02.2015

409_Reisenotizen

In der vergangenen Woche wurde ich als Reisender Zeuge dreier Merkwürdigkeiten und eines echten und kolossalen Wunders. Die erste Merkwürdigkeit spielte sich in einem Zug zwischen Hamburg und Rostock ab. Dort saß ich in einem Abteil mit einem älteren Herrn, der nichts weiter tat als aus dem Fenster zu sehen, bis sein Telefon klingelte. Er nahm das Gespräch an und sagte „Haubentaucher.“ Die Stimme am anderen Ende erwiderte etwas und er alte Herr wiederholte, diesmal deutlich lauter und unwirsch: „Haubentaucher!“ Er sah nicht mehr aus dem Fenster, sondern in meine Richtung. Und schließlich brüllte er ins Telefon: „Haubentaucher.“ Damit beendete er das Gespräch. Ich nahm an, dass der Mann Haubentaucher hieß und die Verbindung irgendwie nicht recht zustande gekommen war.
Drei Minuten später klingelte es wieder. Der Mann sagte „Hallo“ und hörte lange zu. Dann sagte er: „Ich habe ihm drei Mal gesagt, dass es sich um einen Haubentaucher handelt. Drei Mal. Was ist denn so schwer daran zu verstehen. Haubentaucher. Mann Gottes.“ Dann legte er wieder auf und ich dachte: Stimmt. Er hat es ihm wirklich drei Mal gesagt. Und nichts sonst. Nur: Haubentaucher.
Die zweite Merkwürdigkeit bestand in einem Gespräch, welches ich mit einem Kölner führte, wobei Gespräche mit Kölnern eigentlich immer seltsam sind. Jedenfalls erzählte er mir von der Entscheidung, dass im Kölner Karneval nun doch kein Mottowagen zum Thema Charlie Hebdo mitfahren soll. Nach Aussage meines Gesprächspartners lag das daran, dass einige Karnevalsvereine bei den Organisatoren nachgefragt hätten, an welcher Stelle im Zug der Charlie-Wagen fahren würde, weil man dann seine eigenen Spielmannszüge gerne einige hundert Meter entfernt platziert hätte. Wegen der Bombengefahr. Nach zahlreichen Interventionen hätten vor und hinter dem Wagen zwei etwa hundert Meter breite Lücken geklafft. Es wären dann, sagte der Kölner, keine Karnevalisten mehr bedroht gewesen, außer jenen auf dem Wagen. „Und die Zuschauer am Straßenrand,“ fügte ich hinzu. Und darauf sagte der Kölner: „Ach die. Die sind eh alle aus der Eifel.“
Die dritte Merkwürdigkeit war gar nicht merkwürdig im eigentlichen Sinne, sondern irgendwie berührend. Ich stand in einer Dresdner Straßenbahn und sah einem Mann über die Schulter, der mit einer WhatsApp-Konversation beschäftigt war. Eine gewisse Angelika schrieb ihm: „Hab ich’s mir doch gedacht.“ Darauf tippte er eine ganz kurze Antwort in sein Handy, nämlich: „Hihi.“ Dann zögerte er eine Weile und fügte hinzu: „Ich habe mich entschieden, mit der Firma zu reden, übers abbrechen.“ Er sah lange auf die Nachricht, dann aus dem Fenster. Schließlich schrieb er: „Ich werde.“ Aber er beendete den angefangenen Satz nicht, sondern rieb Daumen und Zeigefinger unschlüssig aneinander. Und dann löschte er den ganzen Text bis auf das „Hihi“. Vielleicht hatte er sich genau in diesem Moment umentschieden und würde nun doch nicht mit der Firma übers Abbrechen sprechen. Und ich wusste es, Angelika aber nicht.
Und nun noch zum Wunder, welches sich vergangenen Donnerstag in Berlin zutrug, wo Wunder nicht gerade an der Tagesordnung sind. Und dennoch habe ich dort etwas hochgradig Mirakulöses beobachtet. Und dies ausgerechnet an einer Currywurstbude am Bahnhof Zoo. Dort erwarb ich eine Currywurst und begab mich zum Verzehr um die Ecke der Bude. Diese war rundum verglast, sodass ich an der Seite der Bude stehend hineinsehen konnte. Ich aß meine Wurst und guckte dem Currymann bei der Arbeit zu.
Er nahm das Geld einer Kundin entgegen und dabei unterlief ihm ein Missgeschick: Eine Fünfzig-Cent-Münze rutschte von der Scheibe, auf der er das Geld entgegennahm und fiel mitten in die Schaschliktunke, die darunter in einer flachen Form vor sich hin blubberte. Geistesgegenwärtig griff er die kleine Kelle, mit der er sonst die Sauce schöpfte und tauchte nach dem Fünfzig-Cent-Stück. Er ließ die Tunke aus der Kelle fließen, griff mit den Fingern hinein – und holte einen Euro heraus! Ein Wunder! Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, gehe ich dahin und schmeiße mein ganzes Bargeld in die Schaschliksauce.