Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.02.2015

410_Vorhang auf!

Nachdem ich mich mit würdelosem Ehrgeiz vor dem Weihnachtsmarkt gedrückt und auch die jährliche Schulsäuberung geschwänzt hatte, fiel mir keine brauchbare Ausrede ein, als Ulrich Dattelmann meine Mithilfe beim jährlichen Schul-Musical einforderte. Dattelmann, der als Chef der Schulpflegschaft mein Leben mehr bestimmt als es die Politik der internationalen Finanzmärkte jemals könnte, dieser Dattelmann war der Ansicht, dass es zu meinen Pflichten gehöre, für den Erfolg des jährlich stattfindenden Theater-Events mein Bestes zu geben.
Als ich ihn fragte, worin mein Beitrag bestehen könnte, nahm ich an, dass ich als Dramaturg oder Sprechtrainer gefragt sei. Diese Posten waren jedoch schon seit Monaten vergeben. Gesucht wurde noch jemand, der eine andere verantwortungsvolle und hochkomplexe Tätigkeit übernehmen könnte, nämlich: Den Vorhang auf– und zumachen. Diesen Job hatte in sämtlichen Proben Herr Fuhrmann übernommen. Der ist im Hauptberuf Polizist und daher geeicht auf die konsequente Einhaltung von Abläufen. Erst Rechte vorlesen, dann erschießen und nicht andersrum. Kennt man ja. Egal. Jedenfalls war Fuhrmann ganz kurzfristig erkrankt und konnte bei der Premiere nicht mitmachen. Ich nahm an, dass es sich bei „Vorhang öffnen und schließen“ um eine astreine Deppenaufgabe handelte und sagte zu.
Als ich den Theatersaal betrat, stürzte Dattelmann heran und drückte mir eine kleine Fernbedienung in die Hand. Sie hatte nur einen Knopf und eine Leuchtdiode. Dattelmann sagte: „Es gibt zwölf Szenen. Nach jeder Szene kommt ein Blackout. Dann musst Du den Vorhang schließen. Und wenn ich Dir ein Zeichen gebe, ist dahinter umgebaut und Du kannst ihn wieder öffnen. Eigentlich ganz leicht. Alles kapiert?“ Ich nickte. Dann zeigte er mir, wie die Fernbedienung funktionierte. Zwei Mal drücken: Vorhang auf. Einmal drücken: Vorhang zu. Dattelmann erklärte mir dann noch, dass Fuhrmann und er ein eingespieltes Team gewesen seien, man habe sich blind verstanden. Damit erhöhte er den Leistungsdruck. Ich wurde nervös.
Mit der Fernbedienung in der Hand saß ich neben dem Oberstufenschüler, der das Licht bediente. Er sagte: „Toi toi toi“. Ich befühlte den kleinen grauen Gummiknopf und bevor ich darüber nachdenken konnte, hatte ich ihn einmal gedrückt. Ich nahm mir vor, zu Beginn des Stückes infolgedessen noch ein weiteres Mal zu drücken. Das waren dann zwei Mal und der Vorhang würde sich logischerweise öffnen. Das Saallicht erlosch. Ich drückte das zweite Mal. Nichts passierte. Also drückte ich noch zwei Mal. Der Vorhang öffnete sich zehn Zentimeter, um dann ruckartig wieder zu schließen. War wohl einmal zu viel. Dattelmann sah wütend zu mir herüber. Ich drückte noch Mal, der Vorhang öffnete sich, das Stück begann und ich bekam nasse Hände vor Stress.
Wohl deswegen versagte ich am Ende der Szene und drückte abermals nur einmal, dann ganz schnell zwei Mal, noch einmal und noch einmal. Der Vorhang zappelte herum wie Kochwäsche im Frühlingswind. Nach dem dritten Blackout funktionierte ich, beim vierten verpasste ich meinen Einsatz, weil ich Nick einen Euro für Fanta geben musste, der fünfte Vorhang klappte beinahe und nach dem sechsten war Pause, in der Dattelmann mir die Fernbedienung erklärte, als brächte er einem Meerschweinchen das Radfahren bei. Im zweiten Teil versagte ich erst nach Szene neun, weil ich so aufgeregt über das Gelingen der Vorhänge sieben und acht war. Dann verzählte ich mich wieder und ganz am Schluss hieb ich wie ein Irrer auf die Fernbedienung ein, wodurch sich der Vorhang sieben Mal halb öffnete und sich dann dauerhaft schloss, weil das Steuergerät hinter der Bühne den Geist aufgab.
Das Ensemble musste sich daher vor dem Vorhang am Bühnenrand verbeugen. Dattelmann kam zu mir, nahm die Fernbedienung an sich und entband mich von allen weiteren Auftritten. Dann schlich ich aus dem Saal. Ich hörte eine Mutter sagen: „Und so was schimpft sich Beamter.“ Da kehrte meine gute Laune zurück. Alles nicht so schlimm, kein Grund zur Scham. Denn im Programmheft stand ja bei „Vorhang, technische Unterstützung“: Klaus Fuhrmann. Irgendwie tut der mir jetzt leid.