Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.02.2015

411_Krawattenkrawall

Kann mich kaum noch daran erinnern, jemals eine Krawatte getragen zu haben. Es muss sich aber mehrfach ergeben haben, denn ich besitze acht Schlipse. Fünf von denen weisen Saucenflecken auf und alle Acht haben Knitterfalten vom Binden. Ich muss sie also mal getragen haben. Vielleicht wurde ich gezwungen. Was ich damit sagen will: Krawatten sind sowas von out, outer sind vielleicht nur noch Eierlikör und Diddl-Tassen.
Dass die Krawatte ihre beste Zeit hinter sich hat, liegt nicht nur am modischen Wankelmut der Männer, die inzwischen lieber Schals oder einfach gar nichts um den Hals tragen, sondern auch an den medizinischen Nebenwirkungen, die so ein enger Binder zeitigt. So wurde in den vergangenen Jahren wissenschaftlicherseits des Öfteren darauf hingewiesen, dass eine extrem eng getragene Krawatte möglicherweise die Sauerstoffversorgung des Gehirns beeinträchtige, was Entscheidungsprozessen, zum Beispiel in der Politik, nicht gut bekommt. Vielleicht haben sich ja der Münchner Oberbürgermeister Reiter und der bayerische Ministerpräsident Seehofer gegenseitig die Krawatten gebunden, als sie sich gemeinsam entschieden haben, in München keinen neuen Konzertsaal zu bauen.
Noch besorgniserregender als der kurzfristige Luftmangel könnte eine andere Nebenwirkung der engen Beschlipsung sein. Forscher haben darauf aufmerksam gemacht, dass Krawattenträger mit einem erhöhten Risiko für „grünen Star“ leben müssen. Diese Krankheit, an deren Ende eine weitgehende Blindheit zu beklagen ist, wird durch einen zu großen Augeninnendruck hervorgerufen. Und der kommt vom Krawattentragen. Schon drei Minuten nach dem Anlegen einer Krawatte steigt der Augeninnendruck deutlich. Die Forscher nehmen an, dass das Managerlätzchen die Halsvenen einengt und damit ein Rückstau einsetzt. Nach jahrelangen Überstunden im Büro macht das chronisch bedrückte Auge irgendwann schlapp. Vereinfacht lässt sich die Gefahr folgendermaßen zusammenfassen: Krawatten machen blind.
Das wissen aber nicht nur Wissenschaftler und sehmüde Rentner, sondern auch viele Millionen Frauen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als die Augen verbunden zu bekommen. Und zwar möglichst mit der Krawatte eines Milliardärs. Dieser prickelnde Reiz möchte soeben wieder im Kino betrachtet werden, in „Shades of Grey.“ Laut Zeugenaussagen hält sich der erotische Furor des schlipstragenden Jungunternehmers aber in engen Grenzen. Der Film, so wird berichtet, sei nicht auf unerträglich quälende Weise erotisierend, sondern auf unerträglich quälende Weise einschläfernd und besitzt deshalb auch keinen werbewirksamen Effekt für die gebeutelte Krawattenindustrie.
Diese vergibt in Gestalt des Deutschen Krawatteninstitutes jährlich die Auszeichnung „Krawattenmann des Jahres“. Früher wurden das noch honorige Schlipsköpfe wie Walther Leisler Kiep oder Wilhelm Wieben. Inzwischen fällt es aber offenbar schwer, überhaupt noch regelmäßig krawattierte Männer zu finden, deshalb wurde vor einigen Jahren vor lauter Verzweiflung gleich die ganze Mannschaft von Borussia Mönchengladbach ausgezeichnet, wohl in der Hoffnung, dass irgendein Spieler wenigstens an Heiligabend Schlips trägt. Im vergangenen Jahr ging die Ehrung an den TV-Moderator Daniel Hartwich, von dem so Einiges bekannt sein mag. Dass er Krawatten trägt, war aber bis zu seiner Auszeichnung ein streng gehütetes Geheimnis.
Nur eine Fliege wäre noch uncooler. Fliegenträger gelten im Allgemeinen als ungefähr so schwer vermittelbar wie Grottenolme oder Messerwerfer mit Schüttellähmung. Sie sind so selten, dass sich Lobbyarbeit in Form einer Auszeichnung zum Fliegenmann des Jahres einfach nicht lohnt und alle prominenten Herren, die man mit Fliegen in Verbindung bringt, sind entweder tot oder Karl Lauterbach. Der eignet sich aber nur sehr bedingt zum Role Model für Fashion Victims, denn Mode ist immer auch Verschwendung und Lauterbach ist ein großer Verzichter. Er nimmt nicht einmal Salz zu sich. Sollte er einmal dem bayerischen Ministerpräsidenten zum Fraß vorgeworfen werden, wird sich dieser die Krawatte lockern und rufen: Salz, zefix, der ist ja ungenießbar!