Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.03.2015

412_Höchstverrat

Was habe ich nicht alles unternommen, wie fürsorglich habe ich mich 16 Jahre lang um die musikalische Erziehung meiner Tochter gekümmert. Sie hat immer so schön Klavier gespielt. Und nun das, und es ist das Schlimmste, was das Pubertier mir jemals angetan hat. Gut, sie hat einmal ein Männchen in den Lack meines Autos geritzt. Aber da war sie drei Jahre alt. Und als Götze gegen Argentinien traf, kam sie aufgrund unseres Gebrülls ins Wohnzimmer und sagte: „Na super, dann könnt Ihr den Mist ja jetzt ausmachen.“ Das war schon furchtbar.
Doch jetzt hat sie eine Grenze überschritten, wenn nicht sogar den Rubikon, denn sie hat: Sich eine Gitarre gekauft. Ja, ich weiß: Andere Jugendliche richten sich Crystal-Meth-Küchen ein, melden sich bei der Fremdenlegion an oder nehmen Zehnjährigen den iPod weg. Doch dafür gibt es zumindest theoretisch eine gewisse und sei es eine juristische Handhabe. Die fällt hier leider weg. Ich kann ja jetzt schlecht zur Polizei gehen und meine Tochter wegen seelischer Grausamkeit anzeigen, bloß weil sie eine Gitarre besitzt. Das nimmt ja niemand ernst. Trotzdem. Eine Gitarre. Oh Gott, was für eine Niederlage.
Schließlich waren und sind Gitarristen das Schlimmste, was einem überhaupt zuhause im Flur begegnen kann. Nun spüre ich bereits, wie ein riesiger Gitarristen-Shitstorm im Internet heraufzieht, denn Gitarristen gibt es viele und sie mögen es nicht, wenn man sie beleidigt. Die Gitarristen sind die Veganer unter den Musikern. Total humorlos, wenn es um ihr Instrument geht. Sie halten sich außerdem für die Krone der musikalischen Schöpfung. Dabei sind sie in Wahrheit gnadenlose Generalnervensägen. Furchtbar. Gitarristen schleppen ihre Instrumente auf jede Wanderdüne der Welt, um ihre Opfer mit schlechten Interpretationen von „Roxanne“ die Ohren blutig zu klampfen. Sie fallen in Heerscharen über arme Instrumentengeschäfte her, wo sie Stunden damit verbringen, das Intro von „Stairway to Heaven“ zu bestümpern. Haben die schon mal an die armen Verkäufer gedacht, die sich das ihr ganzes Berufsleben hindurch anhören müssen? Gitarristen quälen ihr Publikum mit endlosen Soli und ihrem Anblick, der an einen Hund erinnert, der sich in selbstvergessener Ekstase an einem gedrechselten Stuhlbein reibt. Dass Gitarristen dabei auch noch ihre Zunge heraus hängen lassen ist nur eines der vielen unappetitlichen Details ihrer kruden Verrichtung.
Gitarristen gniedeln ihr Publikum zur Bewusstlosigkeit und dienen inzwischen sogar ihrer Vertreibung. Kürzlich war nämlich zu lesen, dass eine Bank die Automaten-Foyers ihrer Berliner Filialen nachts beschallt, damit die Obdachlosen sich dort unwohl fühlen und am Schlaf gehindert werden. Zum Einsatz kommt dabei Musik von Mike Oldfield, dem legendären Saitenschinder aus England. Und bevor jetzt die Gitarristen den verhornten Finger heben und rufen: „Der ist aber ein toller Musiker“, sage ich gleich: „Ja, das stimmt. Das ist ja gerade das Problem.“
Bei Gitarristen dient der Verweis auf ihr technisches Vermögen als Hauptargument für ihre Existenzberechtigung. Als ob Musik schon alleine deswegen gut wäre, weil der Gitarrist so viel drauf hat. Da kann man nur mit dem Maler Gerhard Richter sagen: „Virtuosität hat über ihre handwerkliche Bedeutung hinaus keinen künstlerischen Wert.“ Ich mag Musiker, die das erkannt haben. Malcom Young von AC/DC zum Beispiel. Der ist ein wunderbarer Gitarrist, denn er hat nie öffentlich ein Solo gespielt. Er überließ das seinem Bruder Angus und widmete sich völlig den Basisakkorden seiner Lieder. Leider kann er sich an diese inzwischen nicht mehr erinnern. Oder Joe Jackson. Der lehnte jahrelang Gitarristen in seiner Band ab, weil sie ihm auf den Keks gingen. Und im Punkrock gab es erfreulicherweise nie lange Solo-Einsätze von irgendwem. Eine sehr sympathische Haltung ist dies.
Eben beklagte ich mich bei meiner Frau über Carlas gemeine hinterhältige Anschaffung. Sara nahm diese gelassen. Damit sei es sicher bald wieder vorbei und dann würde Carla wieder am Klavier sitzen. Und Sara fügte hinzu: „Sei doch froh. Es könnte schlimmer kommen. Sie könnte sich ein Didgeridoo anschaffen.“ Stimmt. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann lieber Gitarre.