Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.03.2015

414_Schneller Brüter

Im Zuge der Veränderungen, die der Versuchsleiter und seine Gattin bei ihrem Sohn erleben, sind dramatische Entwicklungen zu beschreiben, nämlich zum Einen ein beängstigendes Wachstum. Nachdem Nick bereits seine große Schwester überragt, macht er sich nun daran, seiner Mutter über den Kopf zu wuchern. Der Versuchsleiter hat deshalb darüber nachgedacht, die Ernährung seines Sohnes in der Weise umzugestalten, dass dieser ihn nicht auch noch einholt. Es würde dem Versuchsleiter nicht gefallen, kleiner als sein Sohn zu sein. Außerdem kann man eine Menge Geld sparen, wenn Nick zukünftig nicht mehr täglich vier Teller Nudeln, sondern nur noch einen halben Apfel und frische Luft bekommt.
Wesentlicher und folgenreicher für die ganze Familie und die Aufrechterhaltung des häuslichen Friedens erscheint allerdings gerade ein ganz anderes Phänomen, welches stark mit Gerüchen zu tun hat. Das männliche Pubertier ist damit umwölkt wie Peking von seiner Smogglocke und darin manifestiert sich ein wesentlicher Unterschied zwischen ihm und seinem Schwesterexemplar. Die weibliche Pubertät lässt sich nämlich in der Weise zusammenfassen, dass es darin hauptsächlich um drei Verrichtungen geht: Schimpfen, Feiern und Schlafen. Bei männlichen Vertretern der Spezies hat der Versuchsleiter ebenfalls drei, aber andere Hauptcharakteristika ausgemacht, nämlich Schweigen, Eitern – und Stinken.
Während das weibliche Pubertier sehr gerne über alles Mögliche und Unmögliche spricht, hält sich sein männliches Pendant weitgehend heraus aus dem Funkverkehr und reift einem Harzer Käse nicht unähnlich still vor sich hin. Dabei verändern sich jetzt seine Haare. Früher musste sich Nick einmal pro Woche den Kopf shampoonieren. Inzwischen bekommt dieser bereits einen Tag nach vollzogener Wäsche einen seidigen Glanz, für den manche mittelalten Frauen schon wieder viel Geld ausgeben würden. Nach drei Tagen ergeht die Bitte an ihn, doch mal die Haare zu waschen, was seinen Unwillen zur Folge hat. Der Versuchsleiter hat daraufhin einen neuen Spitznamen für sein männliches Beobachtungsobjekt ersonnen und nennt dieses seit geraumer Zeit nur noch „Butterbirne.“ Butterbirne reagiert darauf völlig anders als seine Schwester, die bei vergleichbaren liebevollen Schmähungen explodiert. Bei Nick hat man hingegen den Eindruck, dass ihn der provozierende Aspekt der Bezeichnung als „Butterbirne“ nicht wirklich erreicht. Jedenfalls reagiert er nicht darauf. Er reagiert ohnehin nicht besonders schnell und manchmal auch gar nicht. Der Bitte des Versuchsleiters, sein Labor zu lüften, kommt er jedenfalls nicht nach, zumal er darauf besteht, es würde dort nach gar nichts riechen. Das ist aber nicht wahr.
Es riecht dort sehr wohl. Es riecht unglaublich. Nur: Wonach eigentlich? Dies zu definieren, ist nicht einfach, an so einer Aufgabe beißen sich selbst Aromaprofis die Zähne aus. Geruch und Geschmack sind sehr komplizierte Gebilde mit Kopfnoten und Basisnoten, lang anhaltenden Eindrücken oder kurzem Trommelfeuer der Synapsen. Ein Sommelier erzählte dem Versuchsleiter, dass er zum Zwecke der Definition von Aromen eine riesige Kommode mit zahlreichen Schubläden zuhause habe, in denen sich hunderte von Aromen befänden, mit welchen er Weine zumindest näherungsweise beschreiben könne. So käme es, dass er einem Weißwein Ideen von Gurke oder einem Rotwein ledrige oder pfeffrige Noten zuschreiben könne. Der Versuchsleiter geht daraufhin in den Zoo, um sich inspirieren zu lassen.
Nachdem Nick am nächsten Tag eine Stunde lang mit zwei gleichaltrigen Freunden vor seinem Computer gesessen hat, schickt der Versuchsleiter das Trio in den Garten. Dann nimmt er die Serviette vom Gesicht und atmet bewusst und tief durch die Nase ein. Er schließt die Augen und lässt die Sinneseindrücke miteinander in Kontakt treten. Da ist eine säuerliche, aber nicht zitronige, sondern eher ranzige Kopfnote mit einem Schimmer von alter Milch und einem stechenden, vergorenen Fruchtaroma. Und dann fällt es ihm ein: Das Zimmer seines Sohnes riecht haargenau so wie das Reptilienhaus im Tierpark Hellabrunn. Das ist interessant, denn die dort lebenden Geschöpfe legen Eier. Der Versuchsleiter ist nun sehr gespannt darauf, was sein Sohn so ausbrütet.