Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.03.2015

415_Das Blech der frühen Jahre

Vor kurzem habe ich gelesen, dass man beim Essen nicht über die Schule reden soll, weil das den gemeinsamen Vorgang der Lebensmittelaufnahme negativ besetze. Die Kinder haben dann keine Lust mehr aufs Essen an sich, sie entwickeln ein Trauma und schlingen später nur Büchsenmampf vor dem Fernseher in sich hinein. Das will ich nicht. Außerdem würde es mir auch nicht gefallen, wenn bei jedem Abendessen über meine mangelhafte Arbeitseinstellung geredet würde. „Na, Kolumne schon fertig?“ würde mein Sohn dann spitz fragen und ich müsste zugeben, dass ich noch gar nicht angefangen hätte.
Bei meinen seitdem mitunter verzweifelten Versuchen, die Essens-Konversation anzukurbeln, fragte ich gestern in die Runde, was für ein Auto sich unsere Kinder kaufen würden, wenn sie könnten. Sie blickten mich verstört an. Dann sagte Carla: „Das ist aber ein hochbrisantes Thema.“ Und ging nicht weiter darauf ein. Ich schloss daraus, dass sich meine Kinder nicht die Bohne für Autos interessieren. Das finde ich traurig. Für mich konnte es früher überhaupt nichts Wichtigeres geben, als die Frage, was da gerade an mir vorbeifuhr. Der Lancia Stratos. Der Mercedes 350 SL. Der Porsche 911. Ich konnte sämtliche Daten dieser Autos auswendig, das Sportwagen-Quartett war meine Bibel. Andere wussten, was Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther geschrieben hatte, ich konnte herunter beten, dass der Oldsmobile Cutless einen Hubraum von 5,7 Litern besaß. Natürlich bringt einen das nicht wirklich weiter im Leben. Was hat man davon, wenn man weiß, dass der Iso Grifo R8 neunzehn Liter verbleites Benzin auf hundert Kilometern verbrauchte, wenn gerade die Kenntnis eines haltbaren Knotens für den Transport eines Klaviers durchs Wohnzimmer gefragt ist?
Andererseits verbinde ich das Thema Mobilität auch immer mit Romantik. Tiefe Gefühle hege ich bis heute in Gedanken an mein erstes Auto. Es handelte sich dabei um einen roten Alfasud, Baujahr 1978. Nach heutigem Ermessen war diese Kiste eine reine Todesfalle. Der Alfasud wurde in Süditalien gebaut, und zwar unter Verwendung von sowjetischem Stahl, welcher bereits bei der Anlieferung in Neapel rostete, weil er viel recyceltes Buntmetall enthielt. Eine Nachbarin schenkte mir ihr Exemplar, weil sie ein neues Auto bekam. Der Alfasud hatte noch drei Monate TÜV, den ich um sechs Monate überzog. Ich fuhr überall mit ihm hin und vermied den Blick in den Motorraum wie man es vermeidet, Beipackzettel von Medikamenten zu lesen.
Was sich nämlich unter der Motorhaube verbarg und was ich meinen Eltern nie zeigte, war eine geradezu lebensgefährliche Konstruktion. Die Wahnsinnigen von Alfa Romeo hatten die Hohlräume des Billigstahls mit einem gelblichen Bauschaum befüllt, welcher Feuchtigkeit aufsaugte und das ganze Auto von innen heraus rosten ließ. Der Motorblock ruhte in einem geschweißten Verhau, der – an drei Ecken durchgerostet – bloß noch von dieser sinistren Schaumfüllung gehalten wurde. Fuhr man über Gleise, öffnete sich der Kofferraumdeckel, weil dessen Schloss dem Rostfraß bereits zum Opfer gefallen war. Und eines Tages plumpste tatsächlich die Antenne durch ein kreisrundes Rostloch in den Motorraum hinein. Ich zog sie wieder raus und klemmte sie im Beifahrerfenster fest. Ich liebte dieses Auto.
Heute bewegen sich junge Menschen entschieden sicherer auf der Straße, aber womöglich sind die Fahrten nicht mehr so aufregend wie früher. Eine Antwort auf meine Frage habe ich dann übrigens doch noch bekommen. Nick möchte einen Pickup haben, weil er damit seine diversen Sportgeräte auf der Ladefläche transportieren kann, sowie seinen Vater. Ich könne dann dort meine Vorträge halten, da würden sie niemanden stören. Und Carla ist der Wagen egal, Hauptsache man kann dort einen Player anschließen, freisprechen und Nachrichten checken. Eigentlich will sie ein Smartphone mit Rädern.
Das nervte mich erst wahnsinnig. Kein Gefühl mehr für das Auto als Sehnsuchtsort. Aber man darf die Kinder nicht schimpfen. Wie schreibt doch Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ Amen.