Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.03.2015

416_Ein Pilz auf Reisen

Das Reisebüro als Planungsort für Fernweh und Regressansprüche erlebt gerade eine gewisse Renaissance. Habe ich im Radio gehört, wo ich auf langen Reisen häufig sehr interessante Dinge erfahre. Letzte Woche zum Beispiel wurde auch von einem brasilianischen Pilz berichtet, welcher spukhaft in der Nacht leuchtet. Wissenschaftler haben herausgefunden, warum. Das grüne Licht des schlauen Pilzes lockt nämlich Insekten an und die umschwirren ihn dann wie das Neonlicht einer Spelunke. Genau das will der Pilz auch, denn auf diese Weise kann er Mücken, Fliegen und Käfer heimlich mit seinen Sporen bestücken und die Insekten tragen diese dann in die Welt hinaus und kümmern sich auf diese Weise und quasi kostenlos um die Verbreitung des Leuchtpilzes.
Jedenfalls werden Reisen zu leuchtenden Pilzen und anderen touristisch ergiebigen Spektakeln wieder vermehrt im Reisebüro gebucht, denn viele Verbraucher fühlen sich von Online-Angeboten verschaukelt und haben das Vertrauen ins Internet verloren. Also wackeln sie wieder ins Reisebüro, wo sie Menschen gegenüber sitzen, die für sie das Reisen organisieren. Und zwar im Internet. Egal. Unsere sechzehnjährige Tochter weiß überhaupt nicht, was ein Reisebüro ist. Sie plante gestern Abend ihren ersten elternlosen Trip, und zwar an unserem Esstisch und ohne jede fachmännische Begleitung. Die war auch nicht nötig, denn es handelt sich um eine zehntägige und organisatorisch unterkomplexe Fahrt in ein Ferienhaus, welches sie im August gemeinsam mit ihren besten Freunden beziehen will.
Nachdem sich irgendwelche tollkühnen Eltern bereit erklärt hatten, eine Ferienbude für die Kinder anzumieten, traf sich die Truppe bei uns, um die zahlreichen und zum Teil hochgradig planungsintensiven Details ihres Sommer-Manövers zu besprechen. Bevor ich rausgeschmissen wurde, bekam ich noch die sehr engagiert geführte Diskussion über hauswirtschaftliche Pflichten mit, in der Moritz verkündete, er könne leider kein Geschirr spülen, weil er Ekzeme habe, die von Seifenlauge nur noch schlimmer würden. Er sei aber bereit zu bügeln. Emma hielt dies für eine Finte, weil der Bedarf an gebügelter Wäsche in den Ferien geringer einzuschätzen sei als der Wunsch nach sauberen Trinkgläsern. Moritz bot daraufhin an, dann eben mehr in die Haushaltskasse einzuzahlen, was Carla nicht passte, weil auf diese Weise mal wieder von vornherein weibliche und männliche Rollenklischees erfüllt seien und sie keine Lust habe, für ihn gegen Bezahlung das Hausmütterchen zu spielen. Als ich mich für ein geringes Entgelt als Butler anbot, wurde ich des Zimmers verwiesen.
Die wesentlichen Entscheidungen der Gruppe bekam ich trotzdem mit, weil die Schriftführerin ihre Aufzeichnungen auf dem Tisch zurückließ, als die Beratungen beendet waren. Ihrem Protokoll gemäß werden die meisten Lebensmittel von zuhause mitgenommen, weil man deren Einkauf diversen Müttern aufhalsen kann, was die Reisekasse deutlich entlastet. Außerdem kann man auf diese Weise sicherstellen, dass das richtige Bier im Haus ist, was offenbar ein zentrales Anliegen der teilnehmenden Herren darstellt. Annabelle hat eine größere Anzahl von Gesellschaftsspielen zu besorgen, Lukas ist zuständig für Gummitiere und Pool-Nudeln, was sehr gut zu ihm passt. Ganz unten auf der To-Do-Liste steht zudem fett und dramatischerweise doppelt unterstrichen: „FÜHRERSCHEIN!!!“.
Ich sprach Carla darauf an und sie erklärte, dass sie am Ende festgestellt hätten, dass keiner von ihnen volljährig und im Besitz eines Führerscheins sei, sie jedoch aus Sicherheitsgründen mindestens zwei Fahrer bräuchten sowie ein Auto mit sieben Sitzen. Sie werde sich aber um dieses kleine Problem kümmern. Ich wusste sofort, dass diese Fahrt stattfinden wird, denn sie lächelte, wie ich mir das Lächeln eines brasilianischen Urwaldpilzes vorstelle.
Wenn man einen netten und gutaussehenden Führerscheininhaber benötigt, muss man sich bloß gut leuchtend in das Nachtleben einer Großstadt begeben. Man funkelt dort eine Weile intensiv vor sich hin, und dann kommen 18jährige Führerscheinbesitzer in großer Zahl angeschwirrt. Mit etwas Glück ist einer darunter, der mit seinem besten Freund die ganze Bande im Multivan seiner Mutter nach Italien gondelt. Das ist: Ein Wunder der Natur.