Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.04.2015

418_Blubba la Notte

Mein Italienisch sollte nach über zwanzig Jahren an der Seite einer Halbitalienerin eigentlich gut sein. Oder wenigstens mittelmäßig. Ist es aber nicht, weil Sara in Italien das Sprechen für mich erledigt. Unsere italienischen Freunde haben sich daran gewöhnt. Hier und da überrasche ich sie mit luziden Einlassungen in lupenreiner Landessprache. Sobald auf so eine Äußerung eine Nachfrage ihrerseits kommt, verstumme ich wieder, weil ich eben nur ein paar Sätze hinbringe, aber keine Unterhaltung. Immerhin kann ich mein Essen selber reklamieren. Ich sage dann: „questa bistecca ähh, come una scarpa della Mailänder Modewoche 1987.“ Und man versteht mich auch, denn der Teller wird umgehend ausgehoben und durch einen mit Penne und Tomatensauce ersetzt. Ich kann außerdem tanken, nach dem Weg fragen und Cento Gramm sagen. Hauptsache, ich habe gesunde Zeigefinger, um anschließend auf die richtige Wurst zu zeigen. Mit zwei Gipsarmen würde ich zuhause bleiben.

Ich fühlte mich daher zuletzt stark genug, erstmals alleine für eine Woche in das Ferienhaus zu fahren, das wir immer mieten. Der Kontakt zu den Einheimischen würde sich vermutlich auf den Einkauf von Brot („Uno so’n Dings, äh Pane per favore bitte“) beschränken und das gab mir die nötige Sicherheit. Ich fuhr los, kam spät am Abend an, ging noch auf die Toilette und dann ins Bett. Wenig später hörte ich ein Geräusch im Bad. Ich sah nach und stellte fest, dass die Klospülung lief und nicht aufhörte zu laufen.

Am nächsten Morgen rann die Spülung immer noch. Ich sah auf der vergilbten Telefonliste in der Küche nach und entdeckte einen Klempner. Dann googelte ich das Wort „Klospülung“ und wählte seine Nummer. Eine Dame nahm das Gespräch an. Ich nannte meinen Namen und den des Hauses. Dann sagte ich: „Problema di sciacquone, gluckgluck blubbblubb tutta la notte.“ Sie antwortete mit einem Satz, in dem das Wort „Ehemann“ sowie die Begriffe „Morgen“ sowie „Nachmittag“ vorkamen. Ich dankte, setzte mich an meine Arbeit und freute mich auf den Besuch des Klempners am nächsten Tag.

Kurz bevor dieser angeknattert kam, sah ich noch einmal nach der Klospülung und musste feststellen, dass sie nicht mehr lief. Doch noch bevor ich anrufen und mitteilen konnte, dass nunmehr tutto bene mit dem ollen Sciacquone sei, stand Signor Giordano schon in der Küche und fragte, was los sei. Ich antwortete, es sei alles okay und bot ihm einen Kaffee an, den er misstrauisch eine Rohrzange in der linken Hand haltend trank, um sich wieder zu verabschieden. Eine Stunde später lief die Klospülung wieder los.

Am nächsten Morgen rief ich abermals bei den Giordanos an. Diesmal war er persönlich am Apparat. Ich fasste mein Anliegen dahin gehend zusammen, dass der Sciacquone ein Idiot sei und ob er noch mal kommen könne. Signor Giordano brummte etwas von „stasera“. Kurz bevor es Abend wurde, hörte die doofe Klospülung auf zu laufen. Ich konnte den Mann aber unmöglich mit einer abermals vollkommen intakten Toilette begrüßen. Was sollte der denn von mir denken? Um mich nicht total zum Deppen zu machen, musste ich dafür sorgen, dass Wasser ins Klo lief. Ich nahm den Deckel des Kastens ab und fummelte in der Mechanik herum. Schließlich brach ich irgendwas ab und das Wasser lief. Es lief auch noch, als Herr Giordano kam. Er öffnete den Deckel, fand den Schaden, ging an sein Auto und holte ein Ersatzteil. Als er fertig war, kam er in die Küche und hielt mir etwas entgegen. Es war das abgebrochene Stück, welches ich blöderweise auf die Fensterbank gelegt hatte. Ich bot einen Kaffee an, den er ausschlug, um das Weite zu suchen.

Dann telefonierte ich mit Sara. Ich gab ihr die Nummer des Klempners und bat sie, doch mal mit ihm zu reden. Irgendwie machte ich mir Sorgen. Sie rief mich eine Stunde später zurück und berichtete von einem ausgesprochen seltsamen Gespräch mit dem Klempner Giordano. Dieser habe angekündigt, er werde nur noch kommen, wenn Sara auch da sei. Außerdem habe er Angst vor mir. Sara sagte: „Er hat behauptet, Du hättest ihn unter einem Vorwand ins Haus gelockt. Ich glaube, der hält Dich irgendwie für pervers oder so.“

Aber wenigstens ist das Klo wieder in Ordnung.