Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.04.2015

419_Ich bin nicht taub

Meine Kosenamen werden langsam immer blöder. Früher hieß ich hier wenigstens noch „Chefsalat“, aber inzwischen nennen Frau und Kinder mich „Opa“. Und manchmal heiße ich bei ihnen Christiane Schmidt, was eine Verballhornung von „kriegst ja nüscht mit“ darstellt und auf meine angeblich wachsende Schwerhörigkeit anspielt. Es stimmt auch tatsächlich, dass ich manchmal schlecht verstehe, was die Menschen um mich herum sagen. Sara, Carla und Nick behaupten aber ständig, ich sei harthörig, und das stimmt nicht. Die nuscheln alle. Es ist schrecklich.
Vor kurzem kamen wir zum Beispiel zur Tür rein und Carla sagte: „Was für eine Käthe!“ Ich fragte, welche Käthe sie meine und sie behauptete, sie habe von der Kälte gesprochen. Sie kenne gar keine Käthe. Pfff! Das kann ja jeder sagen! Oder Sara. Wir wollen zu einem Konzert aufbrechen und sie fragt mich, ob ich die Bärtchen hätte. „Welche Bärtchen?“, frage ich zurück. Und sie besteht darauf, dass sie von den Tickets, von den Konzert-Karten, eben den Kärtchen gesprochen habe.
Das verunsichert mich. Es hat sich eine Art Sprachbarriere zwischen mich und meine Familie gesenkt und ich sage manchmal gar nichts mehr, aus lauter Angst für einen säftelnden Greis gehalten zu werden, wenn mein Sohn von starken Tüten im Erdkundeunterricht erzählt. Es könnte allerdings auch sein, dass von Stalagtiten die Rede war. Vielleicht muss ich mal wieder zum Ohrenarzt. Ich gehe alle zwei Jahre hin. Der Doktor fuhrwerkt dann mit einem klitzekleinen Staubsauger in meinen Ohren herum. Es raschelt und knistert, danach höre ich schnarchende Hamster im Nachbardorf und Ultraschall aus dem Weltraum. Der Arzt findet, ich müsse aufgrund meiner vulkanös tätigen Ohrenschmalzdrüsen eigentlich alle sechs Monate kommen. Gucken, saugen, ploppen. Mir ist das aber jedes Mal unheimlich und daher habe ich mir jetzt erst einmal ein im Fernsehen beworbenes Anti-Gehörgang-Verstopfungs-Spray gekauft, welches aber nichts weiter bewirkt als nasse Ohren.
Mit tropfenden Löffeln habe ich soeben laut durchs Wohnzimmer gerufen, und zwar: Quo vadis, deutsche Literaturkritik. Vorher habe ich die Online-Checkliste der in kulturellen Fragen möglicherweise stark herausgeforderten Zeitschrift „myself“ gelesen. Die Redaktion stellt darin zehn Bücher vor, die man unbedingt mal lesen müsse. Sie haben sich aber eher nicht mit mühseliger Kanon-Recherche abgemüht, sondern offenbar einmal kurz bei sich in der Teeküche rumgefragt oder eine Zielgruppen-Analyse angefertigt. Das ist wichtig, denn man will schon wegen der sonst aus den Fugen rutschenden Life-Work-Balance keine Empfehlungen geben, die am Ende nicht matchen. Um einen Überforderungs-Burn-out der Leserschaft zu verhindern, empfiehlt die myself- Redaktion jedenfalls zur philosophischen Grundsteinlegung „Der kleinen Prinz“. Und unter dem Rubrum „Klassiker“ fasst sie Goethes „Faust“ folgendermaßen effizient zusammen: „Tragisch, witzig und gehaltvoll.“ Joa. Das kann man so machen. Hier noch ein paar Vorschläge für die Myself-Redaktion: Die Bibel: „dick, alt, voll viele Kapitel.“ Die Buddenbrooks: „Intrigen, lange Röcke, lange Sätze.“ Die Blechtrommel: „Skurril, sexy, jetzt mit totem Autor.“
Nachdem ich mich genug aufgeregt habe, gibt es Essen. Sara berichtet, in Warschau sei eine Glühbirne durchgebrannt. Ich antworte, dass sei ja eine ganz hammermäßige Information. Sara sagt, sie habe gedacht, dass mich das eventuell interessiere und ob ich die Glühlampe nach dem Essen auswechseln könne.
„Du meinst, ich soll gleich mal kurz nach Warschau fahren und eine Birne wechseln?“
„Wieso in Warschau?“ fragt sie.
„Weil Du eben gesagt hast, dass in Warschau eine Glühbirne durchgebrannt sei“, sage ich mit wachsender Ungeduld.
„Im Waschraum, habe ich gesagt. Im Waschraum ist eine Glühbirne durchgebrannt, Opa.“
Alle lachen. Wäre ich ein Buch, die Myself würde über mich schreiben: „Lustig, tapsig, schwerhörig.“