Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.04.2015

420_Ein hartes Leben

Niemand kann das Leid ermessen, niemand macht sich eine Vorstellung davon, wie schlecht es meinem Pubertier geht. Keiner macht sich Gedanken darüber, dass Carlas Leben in diesem Moment nicht mühsamer, nicht anstrengender und nicht ungerechter sein könnte. Ja, es ist wirklich wahr: etwas Schlimmeres ist nicht denkbar. Soeben, in der Küche, manifestieren sich bei unserer Tochter Weltekel und Überforderung, es kristallisiert sich heraus, dass das Universum eine Arschgeige ist und dass es niemand auf dem Planeten schwerer hat als Carla. Man kann es kaum ausdrücken, so unerhört ist, was ihr zustößt. Es ist so grotesk und gemein und knallhart, es ist unerträglich und es geht auf keine Kuhhaut. Niemand hat es verhindert und nun steht sie ganz alleine vor diesem absolut unlösbaren Problem. Und weil es so furchtbar ist, muss sie jammern und klagen und einen Schuldigen suchen. Der Schuldige bin natürlich ich. Jedenfalls ist sie kaum zu beruhigen, so grauenhaft türmt sich das von mir verschuldete Schicksal vor ihr auf. Und jetzt fragen Sie sich, was hier eigentlich los ist, oder? Ganz einfach: Die Butter ist hart.
Ja. Die Butter. Vom ruchlosen Vater nach dem Einkaufen einfach in den Kühlschrank gestellt. Das ist wirklich grässlich und bedeutet, dass Carla die Butter sehr fein abhobeln muss. Denn wenn die Stücke zu groß sind, lassen sie sich nicht auf dem Brot verstreichen. Es könnte sogar sein, dass ein Butterbrocken am Brot kleben bleibt und ein Loch hinein reißt. Und das wäre rein stullentechnisch der Super-GAU. Das muss verhindert werden und führt nun zu einem Manöver, gegen welches sich eine Herzoperation wie eine Baggerfahrt in der Kiesgrube ausnimmt. Wobei es schon zwei Minuten gedauert hat, bis diese Brotscheibe überhaupt abgeschnitten war. Carla hat dabei ausdauernd über das Brotmesser geschimpft. Und über das Brot. Es handelt sich um anthroposophisches Körnerbrot, das ein Vermögen kostet und sehr gut schmeckt. Man könne es nicht schneiden, hat sie gemault. Und dass ihre Brotscheiben immer zu dick würden. Oder zu dünn. Oder jedenfalls krumm. Woran niemand anders Schuld trage als ich, weil ich nicht wie jeder vernünftige Vater geschnittenes Brot kaufe.
In einem ausgesprochen mühsamen und von ausdauernder Nörgelei begleiteten Akt schafft es Carla irgendwie, einen dünnen Film Butter auf das Brot zu bringen. Sie legt das Messer hin, atmet tief durch und langt nach oben zum Bord, auf dem das Nutella-Glas steht. Sie schraubt es auf, um mit dem Messer hinein zu fahren, doch nach einem Blick ins Glas verfinstert sich ihr Ausdruck und sie sieht aus wie Lord Voldemort kurz vor der Explosion. Das Glas: ist leer. Carla hält es mir schweigend entgegen. Kein Anblick auf der Welt kann es mit diesem Ausdruck tiefster Verlorenheit aufnehmen. Sie fragt mich, ob ich in den Keller gehen und ein neues Glas holen könne. Ich schüttele langsam den Kopf. Darauf speit sie mir entgegen: „Das macht Dir auch noch Spaß, was? Es freut Dich, wenn es mir richtig dreckig geht?“ Aber es sind nur rhetorische Fragen, die Antworten hat sie sich selbst gegeben. Sie knallt das Glas auf die Anrichte und geht dann in den Keller, um ein neues zu holen. Zehn Minuten später ist sie auch schon wieder da. Sie würdigt mich keines Blickes und schmiert, erschöpft von dieser unendlichen Last, ihr Brot. Fassen wir die Stationen dieses Leidensweges noch einmal zusammen: Carla hat sich unter unsagbaren Qualen von ihrem Bett begeben und sich in die Küche geschleppt. Dort hat sie mit dem Brotmesser ein Massaker am Rudolf-Steiner-Brot angerichtet. Sie hat die knallharte Butter bezwungen, das Glas aufgeschraubt und die Enttäuschung über dessen deprimierende Leere überwunden. Sie ist den langen, langen und bitteren Weg in den Keller gegangen, um von dort ein volles Glas nach oben zu tragen. Und schließlich musste sie noch eine Schranktür öffnen, um einen Teller herauszuholen.
Da kann ich ihr nicht noch mit spießigen Kleinigkeiten kommen. Und deshalb sage ich nichts, als sie – ebenfalls wortlos – mit ihrem Teller an mir vorbeischlurft. Von ihr jetzt, in dieser vollkommen erbarmungswürdigen Situation zu verlangen, dass sie hinter sich aufräumt, das wäre herz– und gnadenlos. Fürs Aufräumen fehlt ihr nach dieser Strapaze wirklich die Kraft. Ihr Leben ist, das muss mal gesagt werden: Hart wie Butter.