Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.05.2015

422_Strenge Sitten

Wie autoritär darf und muss man im Alltag sein? Zum Beispiel in der Kindererziehung, für die ich kein großes Talent besitze. Ich würde mich zwar als einigermaßen guten Vater bezeichnen, aber nicht als pädagogische Koryphäe. Sobald es ernst wird, fange ich hilf– und maßlos an zu drohen. Meine Drohungen sind berüchtigt, wenn auch wirkungslos. Ich habe bereits Taschengeld bis ins Jahr 2098 entzogen und für mehrere Tausend Jahre Computerzeit gestrichen. Je größer jedoch die Geste, desto kleiner die Wirkung, dies kann ich mit der Wucht meiner Erfahrung an all jene weitergeben, die mich um Rat fragen. Und das sind erstaunlich viele, insbesondere junge Eltern.
Mein einziger Tipp in diesem Zusammenhang lautet: Autorität kann man sich weitgehend sparen. Sie wird ohnehin überbewertet. Außer bei der Schutzhundprüfung vielleicht. Aber in Familien auf jeden Fall. Man fährt gut, wenn man auf Strafen verzichtet, schon weil man sie sich merken muss. Es hat schon etwas demütigendes, wenn man seinen eigenen Sohn fragen muss, wie lange das gegen ihn verhängte Fernsehverbot eigentlich noch gilt und ob es nicht bereits abgelaufen sei. Wenn der Sohn darauf antwortet, dass es leider noch drei Tage bestehe, kommt man sich irgendwie vor wie ein Pleitier zwischen Lottogewinnern.
Ich bin auch außerhalb der Familie mit meinen Mitmenschen nicht besonders streng und wundere mich immer über die Härte, mit der Andere gegen unbotmäßiges Verhalten vorgehen. So verschickte eine gewisse Julie Lawrence aus Südengland eine Rechnung an den fünfjährigen Alexander Nash, weil dieser unentschuldigt auf der Geburtstagsparty ihres Sohnes Charlie fehlte. Sie hatte für die Feiergesellschaft einen Aufenthalt im Ski-Zentrum von Plymouth gebucht und forderte die anteiligen Kosten von knapp sechzehn britischen Pfund bei Alexanders Eltern ein. Die wollen aber nicht zahlen. Würde ich auch nicht. Leute. Skifahren in Plymouth. Das ist wie Surfen in der Eifel. Aber egal. Charlies Mutter ist offenbar eine sehr autoritäre Person. Genau wie Stephen Patrick Morrissey.
Der englische Sänger ist bekannt für strikten Vegetarismus, er ist in dieser Hinsicht geradezu hundsgemein streng mit Andersgläubigen. Bei einem Konzert in Hamburg machte er eine Bemerkung über Hamburger und Hamburger, was bei einem Hamburger schlecht ankam. Er betätigte sich als anti-vegetarischer Zwischenrufer. Darauf ließ Morrissey das Saallicht einschalten und den fleischessenden Störer aus der Halle werfen. Dieser rief noch im Klammergriff der Security Richtung Bühne, dass er den Sänger doch so sehr liebe. Morrissey tupfte sich den Schweiß ab und erwiderte auf das lakonischste: „You better love me outside.“ Ja, Kinder, so geht Erziehung, das ist wahre Autorität.
Für mich wäre diese kaum durchzuhalten. Ich wäre, was meine Führungsqualitäten angeht, am liebsten Bürgermeister von Schönstheim. Das ist ein Ort im unterfränkischen Landkreis Würzburg und dort regiert seit einigen Tagen ein gewisser Reinhold Kreußer. Der Mann hat wirklich einen Traumjob. Bürgermeister Kreußer muss bei Ratssitzungen niemanden zusammenbellen oder mit einem Glöckchen gefügig machen. Er muss sich keiner Bürgersprechstunde stellen, er muss keine Kanalgebühren festsetzen und er braucht keine Angst davor zu haben, von wütenden Mitbürgern wegen der unmöglichen Öffnungszeiten des Wertstoffhofes beim Spaziergang beschimpft zu werden. Der 301 Hektar große Ort Schönstheim verfügt nämlich weder über einen Gemeinderat noch über einen Wertstoffhof. Ganz genau genommen verfügt er nicht einmal über Bürger, sondern ausschließlich über Bäume, denn Schönstheim ist ein Wald.
Einer seit fünfhundert Jahren gepflegten fränkischen Regionalschrulle wegen wird dennoch jedes Jahr am 2. Mai in Schönstheim ein Bürgermeister gekürt. Traditionell kommt es anschließend zum Ausschank von Wein durch den neuen Ortsvorsteher und seinen Vorgänger. Wenn dem Bürgermeister von Schönstheim mal nach einer autoritären Amtsführung zumute ist, geht er in den Wald und schreit Farne und Büsche an. Ein Traumjob: Endlich mal was zu melden und keiner muckt auf.