Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.05.2015

423_Gelassenheit

Alle sind in letzter Zeit so empfindlich. Ich glaube, das liegt am Internet. Es verführt zur Beteiligung. Wobei viele Zeitgenossen die Segnung der Meinungsfreiheit als Aufruf missverstehen, sich ununterbrochen zu allem Möglichen zu äußern. Die Leute melden sich unter einem Pseudonym wie „Schnurzelmaus34“ auf irgendeiner Plattform an und ledern drauflos. Gegen Hoeneß, gegen Lanz, gegen Weselsky. Oder gegen Helene Fischer oder Angela Merkel oder die neue digital renovierte Biene Maja. Sich seiner Umwelt nicht per Meinungsäußerung zuzumuten, ist völlig aus der Mode gekommen. Gerade deshalb sollte man sich antizyklisch verhalten und lieber öfter als nötig die Klappe halten. Wobei: Es gibt schon Dinge, zu denen man mal was sagen muss. Gestank um Beispiel.
Bis vor ein paar Jahren war ich in Bezug auf Gerüche nicht besonders sensibel, aber inzwischen meide ich Räume, in denen mit dem rituellen Gemütlichkeitsfolterinstrument Duftkerze gerechnet werden muss. Am schlimmsten sind die Vanillekerzen von Ikea. Das Zeug riecht, als würde man vom bloßen Einatmen des Duftes sofort ein Kilo zunehmen. Darauf kann ich verzichten, würde aber nicht unbedingt derart überreagieren wie die Züricher Ladenbesitzer, die vor drei Jahren gegen ein Wirtshaus in ihrer Straße zu Felde zogen. Dessen offenbar pestilenzös stinkendes Käsefondue kontaminierte die weitere Umgebung derart, dass die Nachbarn im Gegenzug tote Fische aufhängten und Räucherkerzenduft in Richtung des Lokals bliesen. Dessen Wirt wurde schließlich mit einem Bußgeld über 450 Schweizer Franken belegt, „wegen Verursachens von vermeidbaren Immissionen“.
Das klingt fast schon nach industrieller Umweltverschmutzung, wie sie das Rheinland vor knapp zwei Jahren erlebt hat. Da brannte ein Neusser Chemiewerk, wobei der stark nach Liebstöckel müffelnde Stoff Sotolon entwich und mit dem Wind dreißig Kilometer Richtung Süden nach Köln trieb. Die Menschen dort sind schon wegen ihrer Festbräuche Zumutungen gewohnt und gelten als ausgesprochen tolerant, wenn es um Gestank geht. So auch in diesem Fall. Die Kölnerinnen und Kölner nahmen einen tiefen Zug und sagten nur: „Hee riecht ed äwer hügg noh Maggi.“ Dann schrieben sie auf Facebook etwas von einer Maggikalypse in Köln und schlossen die Fenster. In Zürich wäre so viel Gelassenheit undenkbar. Und in Berlin wäre es darüber vermutlich zu Straßenschlachten gekommen.
In der Hauptstadt herrscht ständig eine leicht gereizte Stimmung. Sogar die Polizei wird immer häufiger bei der Polizei angezeigt, und zwar wegen Falschparkens. Der Berliner Polizeipräsident hat wegen der Vielzahl der Ordnungswidrigkeiten durch seine Kollegen eigens ein Memorandum verfasst, aus welchem hervorgeht, dass Beamte, die beispielsweise einen Zeugen zuhause befragen wollen und dafür mit dem Dienstfahrzeug anreisen, bitteschön einen Parkschein hinter der Windschutzscheibe platzieren mögen. Den traditionell anarchistischen Berliner Kleinbürgern gefällt es, wenn sie die Polizei ein bisschen ärgern können, die Gewerkschaft der Polizei hingegen findet das unerhört.
Ein wenig mehr Gelassenheit könnte hier nicht schaden. Man muss sich nicht immer gleich aufregen und sollte sich ein Beispiel an dem US-amerikanischen Basketballspieler Kyle Hines nehmen. Dieser wurde von seinen Mitspielern bei der Bamberger Mannschaft von Brose Baskets niemals Kyle Hines genannt, sondern ausdauernd und ausschließlich Karl-Heinz. Er hat sich niemals im Internet darüber beklagt, sondern wechselte nach einer Saison Richtung Griechenland. Ähnlich schmerzfrei in Fragen der richtigen Aussprache reagierten vor einigen Jahren kroatische Fußballfans auf den britischen Tenor Tony Henry. Der sang bei einem Fußball-Qualifikationsspiel zwischen England und Kroatien beide Hymnen. Er vertauschte allerdings bei der kroatischen Nationalhymne einen Buchstaben. Die ursprüngliche Liedzeile „Liebling, Du weißt, wie wir Deine Berge lieben“ verwandelte sich dadurch in den Satz „Liebling, mein Penis ist ein Berg.“ Anstatt daraufhin wütende anonyme Mails und Postings in öffentlichen Foren zu hinterlassen, reagierten die Kroaten vorbildlich und schlugen vor, den Sänger fortan als Maskottchen zu beschäftigen.