Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.06.2015

425_Spickpulle

Carla ist es gewohnt, sämtliche Aufgabenstellungen des Lebens unter Zuhilfenahme ihres Handy zu bewältigen. Was auch immer sie benötigt, wissen muss, zu erledigen hat oder ihr schleierhaft erscheint: Ihr Smartphone hilft ihr dabei. Es würde sich auch dazu eignen, Prüfungen in der Schule mit dem reichhaltigen Vorrat an Fremdwissen aus dem Internet zu bestücken. Das sehen die Lehrkräfte ganz ähnlich und haben die Benutzung von Handys während der Klausuren verboten. Dies führt bei Carla einerseits zu derart intensivem regelmäßigen Verdruss, dass Finanzminister Schäuble im Vergleich zu unserer Tochter wie ein angetüterter Hallodri rüberkommt. Andererseits zeitigt das Handyverbot ungeheuerliche Kreativitätsschübe, was die Konzeption von Spickzetteln betrifft.
Ich bin immer noch ganz begeistert von dem Exemplar, das auf meinem Schreibtisch steht. Ein Meisterwerk. Carla hat es mir geschenkt. Es handelt sich im Grunde bloß um eine Flasche Punica. Diese ist für sich genommen nichts Besonderes. Ich habe mich erst gewundert, dass Carla so etwas trinkt, denn erstens schmeckt das Zeug nicht und zweitens war die Flasche leer, als ich sie Vorgestern in ihrem Zimmer einsammelte und in den Müll warf. Eine Stunde später stand Carla aufgelöst in meinem Büro und fragte, wo die Flasche sei. Dann raste sie zur Mülltonne und durchwühlte diese erfolgreich. Mit der Flasche in der Hand sagte sie gute Nacht und erklärte noch, diese Punica-Pulle sei eine Art Talisman für die Matheklausur.
Gestern dann schrieb sie also Mathe und als sie nach Hause kam, war sie in ausgezeichneter Stimmung, was mich eher wunderte. Sie wirkte so, wie Wolfgang Schäuble wirken würde, wenn in Griechenland plötzlich größere Ölfelder auftauchten. Ich fragte sie, was sie so heiter stimme und sie holte die Flasche aus ihrem Rucksack. Sie war nicht mehr leer und enthielt eine orange Flüssigkeit.
„Fällt Dir irgendwas an dieser Flasche auf?“ fragte Carla und hielt sie mir entgegen. Ich nahm das Gefäß und drehte es ins Sonnenlicht.
„Sieht aus wie Lampenöl vom Bio-Weihnachtsmarkt,“ sagte ich.
„Es geht nicht um den Inhalt, sondern um die Inhaltsstoffe,“ sagte sie und lächelte wissend. Ich sah genauer hin und brauchte einen Moment. Aber dann sah ich es: Das Etikett war eine einzige und brillante Fälschung. Anstelle der Angaben über Inhalte des Getränkes befanden sich auf dem Etikett exakte und detaillierte Handreichungen zum Themenkomplex der axiomatischen Definition von Wahrscheinlichkeit, zu verknüpften Ereignissen sowie zu Extremwertproblemen. Alles Dinge, an die ich mich nur vage aus meiner eigenen Schulzeit erinnere. Ich weiß bloß noch, dass ich damals bereits an der Anfertigung eines Spickzettels scheiterte, weil ich in der Klausur meine eigenen kryptischen Abkürzungen auf dem winzigen Papier nicht mehr verstand, vom eigentlichen Schulstoff ganz zu schweigen.
Aber diese Flasche war einfach großartig. Carla und ihre Freunde waren in den Supermarkt gegangen und hatten nach einem Getränk gesucht, auf dem möglichst viel zu lesen stand. Nach intensiver Recherche stellten sie fest, dass Punica ein ziemlich textlastiges Getränk ist, was vermutlich mit den zahlreichen naturidentischen Inhaltsstoffen zu tun hat. Jeder kaufte eine Flasche, dann fuhren sie zu Moritz. Sie fummelten ein Etikett ab und legten es auf seinen Scanner. Das Bild vom Etikett bearbeiteten sie in Photoshop. Normalerweise werden mit diesem Programm Gesichtsfalten geglättet, Beine verlängert, Brüste vergrößert, Schweißflecken retuschiert und Sonnenuntergänge von Hawaii nach Hagen verlagert. Moritz hingegen ersetzte das Textfeld auf dem Etikett durch ein neues in der gleichen Schrift, aber mit völlig anderem Inhalt. Sogar die Nährwerttabelle, die Adresse des Herstellers und die Mengenangaben auf der Flasche nutzte er perfekt für den elegantesten Spickzettel der Welt. Dann druckte er das überarbeitete Etikett acht Mal auf seinem Farblaserdrucker aus und die ganze Clique beklebte damit ihre Flaschen.
Mag sein: Das ist verboten. Andererseits: Wer so etwas drauf hat, dem gehört die Zukunft. Von mir bekommen die Kinder eine Eins.