Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.06.2015

426_Das Spickseminar

In der vergangenen Woche ging es an dieser Stelle um meine Begeisterung für intelligente Spickzettel. Das hat dem Lehrer Karl-Heinz B. aus Dingolfing nicht gefallen. Er unterstellt, dass es mir unreifebedingt am nötigen Rechtsbewusstsein fehle und dass es sich bei meiner Kolumne um eine Bastelanleitung für faule Schüler gehandelt habe. Dazu stelle ich fest: Ja. Stimmt. Beides. Allerdings funktioniert die Anleitung nur, wenn die faulen Kinder über einen guten Scanner und einen Farblaserdrucker verfügen. Für alle weniger gut ausgerüsteten Schummler reiche ich darum heute weitere Spick-Methoden nach, bei denen der Umgang mit Büro-Equipment nicht zwingend erforderlich ist. Ich habe Carlas Freunde an unseren Esstisch gebeten, damit sie ihr Wissen preisgeben.

Niko berichtete davon, wie er Schokobons manipuliert, die er zunächst in das Funktionsprinzip der Hall-Sonde und anschließend in ihre Originalpapierchen einwickelt. Zur Sicherheit druckt er seine Zettelchen im hellsten Grauwert aus. Die fast weiße Schrift ist kaum zu erkennen. Außer für ihn. Ähnlich funktioniert das manipulierte Periodensystem im Hörsaal seiner Schule. Es hängt weit hinten im Raum. Die Schülerinnen und Schüler können es nicht von jedem Platz aus gleich gut sehen, deshalb dürfen sie bei Klausuren aufstehen und sich davor stellen. Inzwischen wurde die Karte überall winzig klein mit Bleistift beschriftet, was man aber nur erkennt, wenn man direkt davor steht. Manchmal lungern während einer Klausur bis zu vier Jugendliche gleichzeitig vor dem Periodensystem herum, was der Lehrer hochbeglückt als Ausdruck größten Interesses am Schulstoff interpretiert.

Finn hat Erfolge mit Luftpostsendungen erzielt. Dabei wird eine Packung mit Taschentüchern quer durch den Raum geworfen, vermeintlich in der Absicht, verschnupften Kollegen mit Zellstofftüchern auszuhelfen. Diese Methode funktioniert besonders gut zur Übermittlung von drängenden Fragen, deren Antworten zurückgeschmissen werden können. Hierbei sind die schwer berechenbaren ballistischen Eigenschaften von Papiertaschentüchern zu beachten, außerdem muss der zur Täuschung notwendige Schnupfen glaubhaft wirken. Trockene Nasen können den Argwohn des Lehrkörpers hervorrufen. Ein gewisses Schauspieltalent ist auch beim opulent belegten Käsebrötchen gefragt, welches man nicht öfter als zwei Mal zur Kontrolle des Inhaltes aufklappen kann und dann auch vernichten muss.

Darian schwört auf den so genannten falschen Hasen. Dabei handelt es sich um einen
vermeintlichen Spickzettel, der auffällig platziert vom Lehrer gefunden werden soll, aber dann nur ein schwaches Liebesgedicht enthält, welches nicht beanstandet und deshalb auch nicht eingezogen wird. Es wird jedoch Augenblicke später durch einen fundamentalen Spicker ersetzt. Funktioniert besonders gut bei geschiedenen Lehrerinnen. Behauptet Darian.

Handwerkliches Geschick ist bei der präparierten Schokolade gefragt. Dafür braucht man laut Emma eine Tafel Vollmilch und eine Zirkelspitze, mit der man Lösungsansätze in die Schokolade ritzen kann. Besser lesbar sind Lebensmittelfarbstifte. Der Vorteil dieser Methode liegt in der hohen Sicherheit der Spickolade, die man nach Gebrauch oder bei Gefahr durch Verzehr unauffindbar machen kann. Es ist jedoch davon abzuraten, dem Tischnachbar verfrüht eine Rippe anzubieten. Bereits das Aufessen weniger Stücke Schokolade zerstört sonst die Verständlichkeit mühsam aufgebrachter Hinweise zu mesomeren Grenzstrukturen.

Der genialste Pfuschzettel kam am Schluss von Moritz. Seine Methode heißt „Baum vor Wald“ und geht so: Man beschriftet eine große bunte Pappe mit einem extra fetten Filzstift und schreibt alles darauf, was man benötigt. Dann hängt man die große bunte Pappe zwischen die vielen anderen großen bunten Pappen, die heute in fast jedem Klassenzimmer hängen. Der Riesen-Spickzettel fällt überhaupt nicht auf, besonders wenn er hinter dem Aufsicht führenden Lehrer an der Wand platziert wird. Moritz weist jedoch auf das einzige Risiko dieser Methode hin: Man darf die Mitschüler nicht einweihen, sonst glotzen alle auf die Wand. Der Lehrer dreht sich irgendwann irritiert um und entdeckt das Plakat. Und das wäre doch schade, bei der ganzen Mühe.